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Ausstellungen >> "Das Gedächtnis des Körpers >> Nishnij Nowgorod 2001
Ausstellung "Das Gedächtnis des Körpers"
- Nishnij Nowgorod 2001 -

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In der Stadt an der Wolga herrschte in der zweiten Märzwoche noch tiefe Winterkälte mit Nachttemperaturen um minus 20 Grad. Trotzdem konnte Anna Gor, die Leiterin des Zentrums für zeitgenössische Kunst in Nizhni Novgorod in jeder Woche zwei- bis dreitausend Besucher in den städtischen Ausstellungsräumen am Minin-Platz begrüßen. Dort machte für fast sechs Wochen eine Ausstellung Station, die mit 40.000 Besuchern in drei Monaten bereits im Dezember in St. Petersburg für Aufsehen gesorgt hatte. "Das Gedächtnis des Körpers" heißt der Titel dieser Präsentation, die am Beispiel der Unterwäsche den Sozialismus aus der Perspektive der Alltagserfahrungen seiner Bürger darstellt. In drei Epochenräumen erlebt der Besucher das Wechselspiel von Realität und Traum - die reizlose Massenware zur Versorgung des sowjetischen Menschen auf der einen Seite, die Traumdessous mit Fantasienamen wie "Ophelia" und "Traviata" als schwebende Wesen unter der Decke andererseits.

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Hier wird zunächst die Entstehung der "kommunalen Lebensweise" in der Vorkriegszeit nachgezeichnet. Der Versuch, die Klassenunterschiede aufzuheben, führt zu einer Kollektivierung des häuslichen Lebens. Eines ihrer Abbilder ist die Sport- und Militärwäsche als Vorbild der Dessousfabrikation. Zu dieser Zeit gehören aber auch die ersten Versuche einer sowjetischen Luxusproduktion und ihrer Werbung in der Zeit der "Neuen Ökonomischen Politik" in den dreißiger Jahren.

Die Ausstellung vertritt die These, dass sich der "sowjetische Alltag" im eigentlichen Sinne erst nach Kriegsende herauskristallisiert. Dazu gehören Morgenrock und Schlafanzug als Symbole der Häuslichkeit. Bei den Dessous ist es aber vor allem die selbstgenähte Wäsche, die eine Wiederherstellung individueller Lebensformen im Raum des Privatlebens spiegelt. Eine Zeit der Knappheit und Depression zeichnen die Autorinnen der Ausstellung für die dritte Epoche, für die zwei Jahrzehnte zwischen 1970 und 1990. Hier war es nicht nur der Mangel an geeigneten Materialien, um einen privaten Ausweg aus dem industriellen Einerlei zu suchen. Die depressive Stimmung im Alltag entstand vor allem aus dem Vergleich mit dem Westen, der die eigene Wäsche zusätzlich trist erscheinen ließ.

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Vielfältig wie das hier angerissene Thema sind auch die Ideen der Kuratorinnen für eine Präsentation der Objekte. Da treten einerseits die anonymen Zeugen der Kollektivierung dem Besucher als gesichtslose Masse von Wäscheträgern entgegen, während andernorts die Blumen der Hoffnung aus den Dessous emporsprießen. Die graue Alltagsware liegt bodennah in Schatullen, die mit den verheißungsvoll bunten Bilder der Werbung verkleidet sind. In ausgewählten Sequenzen beliebter sowjetischer Filme blitzt Unterwäsche auf, und wenn der Besucher um die Vitrine herumgeht, ist er mit den heimlichen Erzeugnissen russischer Pornographie allein. Geradezu weihevoll geleitet verläßt er diesen Ort, begleitet von den Fotografien von Tatjana Liberman, die schattenhafte Spuren auf kopflosen Körpern zeichnen.

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Vierzehn Künstler geben mit ihren Projekten den Empfindungen einen Ausdruck, die sich mit der Erinnerung an Unterwäsche verbinden. Olga Tschernyschewa verfolgt mit ihren fotografischen Inszenierungen den Weg eines Unterhemds von der begehrten Ware bis zur Tragetasche beim Pilzesammeln am Wochenende. Igor Muchin ist auf Spurensuche in einer Umgebung gegangen, in der man Wäsche nun gar nicht vermutet: bei den heldenhaften Skulpturen der Parks. Georgij Ostrezow hat zum Thema "Wäsche" große, bunte Fantasiegebilde aus Latex geschaffen. Marina Schukowa fertigte grobe Dessous aus bemalter Leinwand. Aus der Perspektive des Voyeurs verfolgt Dmitrij Gutows Kamera das Geschehen, und Anton Olschwang listet ebenso anonym die unfreiwilligen Impressionen auf, die sich in den Abfalltonnen der Entwicklungslabors wiederfanden.

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