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Ausstellungen >> "Das Gedächtnis des Körpers" >> Entwürfe 1998
Ausstellung "Das Gedächtnis des Körpers"
- Entwürfe 1998 -

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Das Goethe-Institut Moskau forderte Mitte 1998 mehrere russische Kulturwissenschaftler auf, Konzepte für eine Ausstellung zur Geschichte der sowjetischen Unterwäsche vorzulegen. Diese Konzepte wurden übersetzt und gemeinsam mit den deutschen Partnern diskutiert. Zwei Konzepte - von Nikita Alexejew und von Katja Djogot - seien hier wiedergegeben:

Unterwäsche der russischen Seele
Nikita Alexejew, 12. November 1998
Das 20. Jahrhundert ist die Zeit des Entkleidens der Menschheit, eine Epoche der halbnackten Todeskandidaten an der Kolyma und in die Verbrennung gehenden nackten Häftlinge von Auschwitz.
In diesem Jahrhundert zogen wir uns allmählich bis zu dem Verlust des Glaubens an die Dogmen der festgesetzten Religionen und an den Fortschritt aus und bewahren schwer noch einiges Vertrauen zu humanistischen Prinzipien. Wir haben unsere Bescheidenheit verloren. Wie sich erweist, sind wir schutzlos uns selbst gegenüber.
Wir wurden nackt. Erinnern wir uns an die Badenden in Biarritz am Ende des 19. Jahrhunderts. Sie waren fast angezogen.
Die totalitären Regimes, so der Bolschewismus, Nazismus, Mussolini- Faschismus, das franquistische "Spanien, vorwärts" und andere Versuche, sich selbst und die Umgebung von der eigenen endgültigen Gerechtigkeit zu überzeugen, waren unwahrscheinlich körperlich. Die Nacktheit des Untertanen eines dieser Regimes war aber nicht seine persönliche Nacktheit. Sein nackter Körper mußte die Stärke und Gesundheit der ganzen Gesellschaft symbolisieren. Die Verfahrensweisen, in denen die "unverschämten Körperteile" bedeckt wurden, trugen demgemäß auch eine starke ideologische Belastung.

Im Dritten Reich und in der UdSSR dachten die Menschen an die Unterwäsche, indem sie an das große Glück des ganzen Volkes dachten - egal, ob an ein ganz und gar arisch-proletarisches oder proletarisch-internationales Glück. Sie wuschen ihre Pantalons und Büstenhalter mit Seife, die aus dem Schweiß und Fett derjenigen produziert wurde, die an ihrem underwear fashion nicht teilnahmen.
Bei der Veranstaltung einer Ausstellung, die einen derart intimen und sozialisierten Gegenstand wie Unterwäsche berührt, ist es unmöglich, die politischen Implikationen auszuklammern. Man kann das aber nur anhand von Kunstobjekten und einzelnen Gegenständen aus Sammlungen realisieren.

Unsere Vorschläge in bezug auf Gegenstände und Rubriken des russischen Teils der Ausstellung:

1. "Vor der Revolution". Ganz verschiedene Sachen: die Bauern, die im Mittelalter lebten (bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts fehlten in der traditionellen russischen Frauentracht Schlüpfer), und die vornehme Gesellschaft, die an Raffiniertheit und "Dekadenz" dem Westen nichts nachgab.
2. "Lebensbau". Die 20er bis 30er Jahre. Futuristen, Proletkult (proletarische Kultur), Förderung des gesunden Körpers und Sports, Probleme des "Sturms im Wasserglas" (das Verhalten der Bolschewiki, so Kollontai, Tretjakow, Brik, zum Sex und zur Erotik).
3. Der "Chic der Stalinzeit". Das Verhalten des siegreichen Volkes gegenüber der Unterwäsche. Das Elend der Mehrheit der Bevölkerung während des Krieges und in den Nachkriegsjahren und der kitschige Prunk der reich gewordenen Nomenklatur (so Ehefrauen der Generale, die zu Empfängen erbeutete Unterröcke anzogen, die sie für Abendkleider hielten).
4."Tauwetter und Flaute". Der Versuch, Persönlichkeit zu werden, sich für sich selbst und für die Nächsten auszuziehen (das Aufkommen moderner Wäsche, Bikini, Strumpfhosen, Slips). Gleichzeitig eine schwache Reanimation der stalinschen Orthodoxie - Förderung des Sports, Demonstration auf dem Roten Platz. Der dritte Teil ist die Rückkehr zum Archaischen: superweite knielange Unterhose ("familiäre"), gesteppte Büstenhalter, pastellfarbene "aufgerauhte" Pantalons.
5. "So wie alle." Das Verhalten zu sich selbst als zu einem vollberechtigten Einwohner des Planeten: Ich habe das Recht, Slips "Calvin Klein" zu tragen. Sofort entsteht, wie es auch sein mußte, ein scheußliches Gemisch aus Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahn.

Auswahl von Ausstellungsgegenständen:

Ikonographie - Originale und (oder) Reproduktionen von Bildern und graphischen Arbeiten, Photos und Kinodokumente, Zitate aus den wichtigsten literarischen Werken.
"Unterwäsche"-Objekte als solche.
Außerdem Bilder zeitgenössischer Maler, die zum Thema der jeweiligen Abteilung

Das Gedächtnis des Körpers
Katja Djogot, 18. November 1998
Für Herbst 1999 ist ein russisch-deutsches Ausstellungsprojekt geplant, das der Unterwäsche der sowjetischen Epoche gewidmet sein soll. Voraussichtlich wird es "Das Gedächtnis des Körpers" heißen. "Das Gedächtnis des Körpers" ist ein kulturologisches und zugleich künstlerisches Projekt. Die Geschichte der Unterwäsche des Sozialismus, die auf Grundlage vorhandener Sammlungen (insbesondere der Sammlung von Julia Demidenko aus St. Petersburg und Alexander Petljur aus Moskau) gezeigt wird, wird in dem Projekt organisch mit dem Blick zeitgenössischer Künstler verbunden, die schon mit dem Bild der sowjetischen Wäsche, wie es im öffentlichen Bewußtsein entstanden ist, und mit der Reaktion der Menschen darauf arbeiten.

Reiche und arme Wäsche, öffentliche und private, männlich und weiblich, westliche und eigene, gezeigte und versteckte - das sind einige der der Themen der Ausstellung. Die Ausstellung wird auf einer Fläche von ca. 1.000 Quadratmetern gezeigt. Der historische Teil der Ausstellung, der in thematische Kapitel unterteilt ist, wird Originalexponate umfassen sowie Fotos und Archivmaterialien über die Herstellung der Wäsche und ihrer staatlichen Standards. Einige Installationen zeitgenössischer Künstler (O. Tschernyschewa und A. Olschwang, I. Waldron, A. Tjomkina, die Gruppe "Fabrik gefundener Kleidung" u.a.) werden der Wäsche als Bild des Körperlichen, Intimen, Menschlichen des Sozialismus sowie Gender-Aspekten der Wäsche gewidmet sein.

Die Unterwäsche wird in dem Projekt als letzte Grenze zwischen der Persönlichkeit und der Gesellschaft, dem Staat, der Macht gesehen; eine Grenze, die durch ihren intimen Charakter unbewußt bleibt. Im Sozialismus, der diese Grenze leugnete, war sie nicht einfach unbewußt, sie wurde aktiv verdrängt. Daher das ständige Gefühl von Unbeholfenheit, Scham und Schuld, das die Erinnerungen an die sowjetische Wäsche begleitet. Deshalb wird die ganze Ausstellung von Erzählungen von Menschen über ihre Erfahrung mit Unterwäsche in den Sowjetjahren durchdrungen sein, über lustige, witzige und traumatische Erfahrungen. Das werden wahre Erzählungen sein und Fragmente literarischer Memoiren, die in die Ausstellung realer Objekte als Kommentare zu ihnen integriert werden.

Außerdem wird sich durch die gesamte ausstellung die Videoinstallation des Künstlers Dmitrij Gutov ziehen - eine Kette von Monitoren mit einem Film, in dem prominente Menschen in Rußland über ihren persönlichen Kontakt mit sowjetischer Wäsche erzählen, und darüber, wie über intime Alltagsgegenstände ein Kontakt mit dem System entstanden ist.

In Rußland soll die Ausstellung zuerst in Nishnij Nowgorod gezeigt werden, danach in Perm, St. Petersburg und vermutlich Moskau. Sie wird von verschiedenen Aktionen begleitet werden: Seminare, Konferenzen, Performances in verschiedenen Räumen, die keine Ausstellungsräume sind (Fabriken, Saunen etc.). So nimmt die Ausstellung den Charakter eines echten Ereignisses an. Vorgesehen ist die Publikation des Kataloges mit Aufsätzen von Kulturologen, Philosophen, Historikern und Kunsthistorikern.

Das Projekt stellt sich die Aufgabe, die Details des sowjetischen Alltags bedacht und kritisch zu restaurieren, des Alltags, der rasch verlorengeht, während es für die Menschen wichtig ist, persönliche Zeugnisse dieser Epoche zu bewahren. Eine solche Ausstellung kann ein Instrument für eine ernsthafte wissenschaftliche Darstellung der Modelle des sozialistischen Alltags werden und gleichzeitig ein emotionales Ereignis für viele Menschen, bei denen, wie sich bereits gezeigt hat, das Thema auf großes Interesse stößt und ein lebhaftes Echo hervorruft. Die Ausstellung soll so breit wie möglich in der lokalen und föderalen Presse präsentiert werden und wird ohne Zweifel ein wichtiger Meilenstein in der Bewertung der jüngeren Vergangenheit, im Durchleben dieser Vergangenheit und im Abschiednehmen von ihr sein.

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