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Ausstellungen
>> "Das Gedächtnis des Körpers >> Konzept 1999 Ausstellung "Das Gedächtnis des Körpers" - Konzept 1999 -
Der herausragende sowjetische Kunstmaler Alexandr Rodtschenko, der 1926 das erste und das einzige Mal in seinem Leben im Ausland (Paris) weilte, brachte seiner Frau Warwara Stepanowa, die ebenfalls Malerin war, das, was die Sowjetmenschen üblicherweise von ihren Dienstreisen mitbrachten: einen Gummigurt für die Strümpfe und sechs Paar Strümpfe dazu. In seinen Briefen staunt Rodtschenko über die immense Anzahl von Konsumgütern, die in der westlichen Welt feilgeboten werden. Sein diesbezügliches Verhalten ist jedoch zwiespältig. Einerseits handle es sich dabei um begehrenswerte Artikel, schön anzusehende Gegenstände, aber andererseits wären es Klassenfeinde: "westliche" Utensilien, die schamlos kommerzialisiert sind und sich wie eine Prostituierte feilbieten. Ein sowjetischer Gegenstand hingegen wäre nach Ansicht von Rodtschenko frei von der Last des bürgerlichen Marktes und der damit verbunden ständigen Zurschaustellung und der falschen Attraktivität. Dieser muß ehrlich verdeutlichen, wozu er bestimmt ist. Darin sollten nicht die kommerziellen Werte, sondern die Werte der Arbeit und der Brüderlichkeit zwischen den Menschen zum Ausdruck kommen: "Unsere Sachen müssen bei uns in den Händen auch gleich und wie Genossen sein, und nicht wie diese schwarzen und finsteren Sklaven wie hier. Die Kunst des Ostens muß nationalisiert sein und rationsweise ausgeteilt werden. Die Sachen werden somit Sinn gewinnen und zu Freunden und Genossen des Menschen werden...". Die Menschen, die ihr ganzes Leben in der UdSSR verbracht haben und sich an den sowjetischen Alltag und die gegenständliche Umwelt erinnern können, erkennen in dieser Beschreibung den "sowjetischen Gegenstand": gediegen und menschennah, "warmherzig" in jeder Hinsicht, jedoch zutiefst archaisch und quasi unfähig, attraktiv zu sein. Es ist tatsächlich so, daß ein Gegenstand, der in die Markt- und Konkurrenzbeziehungen nicht einbezogen ist ("auf Ration ausgeteilt"), vom Grundsatz her nicht verpflichtet war, den Käufer anzulocken. Gerade deswegen erscheinen die Versuche des Herstellers, ihm doch eine gewisse Anziehungskraft zu verleihen, höchst amüsant für einen, der mit der internationalen konsumorientierten Ästethik gut vertraut ist. Daher die besondere Vorliebe der Sammler von heute für die sowjetische gegenständliche Umwelt. Obwohl die totalitäre Gesellschaft bewußte wie unbewußte Versuche zur Unifizierung der gegenständlichen Umwelt unternommen hat, dominiert am "sowjetischen Gegenstand" trotzdem nicht so sehr der Standard, sondern vielmehr die Abweichungen von diesem Standard, der handwerkliche und hausgemachte Charakter. Zahlreiche Gegenstände wurden eigenständig gefertigt oder sehen jedenfalls so aus; als ob sie noch zur vorindustriellen Gesellschaft gehören. Die Ausstellung "Die Erinnerung des Körpers" ist der Geschichte des "sowjeteigenen Gegenstandes" gewidmet, und zwar am Beispiel dessen, was für viele Menschen zu ihrer intimsten Erfahrung des sozialen Umgangs geworden ist: der Unterwäsche. In den letzten Jahren sind in Europa und in den USA mehrere Bücher über die Geschichte der Wäsche, insbesondere der Wäsche des 20.Jahrhunderts erschienen. Es wurden auch etliche Ausstellungen gezeigt. Die vorliegende Ausstellung ist weder eine Wiederholung noch eine Weiterentwicklung der bisherigen Expositionen. Denn die Sowjetwäsche weist eine ganze Menge von Besonderheiten auf und ist, was noch wichtiger erscheint, in völlig andere Zusammenhänge eingeordnet, wobei sie - vor allem emotional - völlig andere Assoziationen auslöst. Die Geschichte der europäischen und der amerikanischen Wäsche des 20. Jahrhunderts wird in erster Linie durch zwei Umstände geprägt: die zunehmende Kommerzialisierung (Massenproduktion, agressive Werbung) sowie durch die finanzielle Unabhängigkeit und Emanzipation der Frau (Verzicht auf das Korsett in den 20er Jahren und auf den BH in den 60er Jahren). Jedoch waren in der UdSSR diese beiden Umstände von keiner großen Bedeutung. So gab es etwa in den 60er Jahren keinen Kampf gegen den BH, weil deren Benutzung bereits in den 30er Jahren ungebräuchlich geworden war. Da die Wäsche nicht in den Marktkontext eingeordnet war, gab es dafür kaum Werbung (bis auf die kurze NÖP-Zeit in den zwanziger Jahren), Verpackungen gab es auch keine (in den Kaufhäusern lagen die BHs haufenweise in den Regalen) und die wenigen vorhandenen Darstellungen (z.B. in den Nähhandbüchern) hatten nicht die Aufgabe, den Leser durch die Schönheit zu "verführen". Dennoch, obwohl die gesamte Ideologie des Sozialismus der westlichen "Konsumgesellschaft" und dem Warenkult entgegenwirkte, kam es ausgerechnet in der UdSSR mit immer krasser werdenden Warenknappheit zur Fetischisierung des schönen, "reichen" und "westlichen" Gegenstands, wie dies in der Nachkriegszeit für die UdSSR etwa die DDR-Unterwäsche gewesen ist. Die westliche Wäsche brachte nicht so sehr die Bilder der Lust zum Ausdruck, sondern war vielmehr selber ein Lustobjekt. Generell aber, weil das Sexthema (und weitgehend auch das Thema des Körpers insgesamt) in der Gesellschaft ein Tabu war, gehörte die Wäsche zum Bereich des Geheimen, des Verborgenen. In einem viel höheren Maße als im Westen gehörte die Wäsche zur privaten Sphäre des Menschen (sie wurde häufig per Hand gefertigt und geändert). Ungeachtet dessen, daß die Wäsche im Grunde für alle gleich war (in manchen Jahrzehnten produzierten die Fabriken nur ein einziges Modell von Unterkleidern oder Herrenunterhosen), wurde sie wie eine zutiefst persönliche Erfahrung beherzigt, vor allem eine Erfahrung der Scham und Peinlichkeit (weil diese Wäsche unschön und arm war, aber auch wegen der Tatsache selbst, daß einer etwas tragen mußte, was in der Gesellschaft tabuisiert worden war). Von dieser Schamerfahrung in Verbindung mit der Unterwäsche erzählen lachend oder mit Bitternis alle, die in der UdSSR gelebt haben. Die Ausstellung hat nicht so sehr zur Aufgabe, die Geschichte der Wäsche in der UdSSR streng akademisch zu präsentieren, sondern vielmehr die rasch in die Vergangenheit entfliehende emotionale Erfahrung der Sowjetmenschen zu bewahren. Deshalb sollen in dieser Ausstellung die Erzählungen realer Menschen über die amüsanten und peinlichen Lebenslagen im Zusammenhang mit der Unterwäsche - zerrissene Strümpfe, geplatzte Gummibänder und die aus dem Ausland gebrachten BHs - eine wichtige Rolle spielen. Diese Erzählungen werden in Form von Tonbandaufnahmen und Wandtexten vorgestellt, weil der eine Teil der russischen Besucher das Hören und der andere das Lesen als Wahrnehmungskanal bevorzugt (außerdem besitzt die umgangssprachliche Rede in Form eines Textes besondere Anziehungskraft). Falls die Ausstellung in Deutschland gezeigt werden soll, kommen nur die Texte in Frage. Eine andere "nichtakademische" Komponente der Ausstellung werden die Werke der Künstler der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts sein, die den sowjeteigenen Alltag und die sowjeteigene Körperlichkeit zum Thema haben. Im Gegensatz zu den Sozart-Künstlern, deren Kindheit (und dementsprechend die maßgebliche Lebenserfahrung) der klassische Stalinsche Totalitarismus mit einer Dominante des ideologischen Optimismus gewesen ist, bauen die Künstler der neunziger Jahre auf ihrer Kindheit auf, die in den sechziger und siebziger Jahren verlaufen ist, wo die Ideologie verschwommen, die freiwillige Grundlage des kommunalen Zusammenlebens untergraben und der depressive und zutiefst private Alltag dominant war. Im Mittelpunkt der gesamten Ausstellung steht somit die Ästhetik der Nachkriegsjahre wie am geringsten erforschter Teil des Sowjetuniversums und zugleich als jener Teil, dessen Erinnerungen für die heute in Rußland lebenden Menschen besonders aktuell sind.
* Die Furnitur, das Zubehör (Knöpfe etc.), Haushaltsgegenstände (Schüsseln zum Wäschekochen, Bügeleisen, Wäscheklammern, Leinen etc.) aus denselben Sammlungen - in geringer Anzahl, für den Expositionsbedarf.
Die Werke zeitgenössischer Künstler werden als Parallelkommentar in die historische Exposition eingebunden. Ausstellungen >> "Das Gedächtnis des Körpers >> Konzept 1999 |
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