EastWestCulture: Home
Linkbox
Goethe-Institut Moskau

Goethe-Institut St. Petersburg

Zentrum für zeitgenössische Kunst Nishnij Nowgorod

Staatliches Museum der Geschichte St. Petersburgs

Museumsdorf Cloppenburg Niedersächsisches Freilichtmuseum

Ruhrlandmuseum Essen

Stadtgeschichtliches Museum zu Leipzig

Österreichisches Museum für Volkskunde Wien

Museen
Austellungen
Konzerte
Kunst
Kongresse
Geschichte
Architektur
Ausstellungen >> "Das Gedächtnis des Körpers >> Konzept 1999
Ausstellung "Das Gedächtnis des Körpers"
- Konzept 1999 -

Wurf   Vorgeschichte >>
Sprung   Entwürfe 1998 >>
Leibchen   Konzept 1999
St. Petersburg 1999   Planung 1999 >>
Rom 64   Ausstellung 2001 >>
Presse   Pressestimmen >>
   
Anfang 1999 legten Ekaterina Djogot und Julia Demidjenko ein ausführliches Ausstellungskonzept vor.

 Die Konzeption
Der herausragende sowjetische Kunstmaler Alexandr Rodtschenko, der 1926 das erste und das einzige Mal in seinem Leben im Ausland (Paris) weilte, brachte seiner Frau Warwara Stepanowa, die ebenfalls Malerin war, das, was die Sowjetmenschen üblicherweise von ihren Dienstreisen mitbrachten: einen Gummigurt für die Strümpfe und sechs Paar Strümpfe dazu. In seinen Briefen staunt Rodtschenko über die immense Anzahl von Konsumgütern, die in der westlichen Welt feilgeboten werden. Sein diesbezügliches Verhalten ist jedoch zwiespältig. Einerseits handle es sich dabei um begehrenswerte Artikel, schön anzusehende Gegenstände, aber andererseits wären es Klassenfeinde: "westliche" Utensilien, die schamlos kommerzialisiert sind und sich wie eine Prostituierte feilbieten.

Ein sowjetischer Gegenstand hingegen wäre nach Ansicht von Rodtschenko frei von der Last des bürgerlichen Marktes und der damit verbunden ständigen Zurschaustellung und der falschen Attraktivität. Dieser muß ehrlich verdeutlichen, wozu er bestimmt ist. Darin sollten nicht die kommerziellen Werte, sondern die Werte der Arbeit und der Brüderlichkeit zwischen den Menschen zum Ausdruck kommen: "Unsere Sachen müssen bei uns in den Händen auch gleich und wie Genossen sein, und nicht wie diese schwarzen und finsteren Sklaven wie hier. Die Kunst des Ostens muß nationalisiert sein und rationsweise ausgeteilt werden. Die Sachen werden somit Sinn gewinnen und zu Freunden und Genossen des Menschen werden...".

Die Menschen, die ihr ganzes Leben in der UdSSR verbracht haben und sich an den sowjetischen Alltag und die gegenständliche Umwelt erinnern können, erkennen in dieser Beschreibung den "sowjetischen Gegenstand": gediegen und menschennah, "warmherzig" in jeder Hinsicht, jedoch zutiefst archaisch und quasi unfähig, attraktiv zu sein. Es ist tatsächlich so, daß ein Gegenstand, der in die Markt- und Konkurrenzbeziehungen nicht einbezogen ist ("auf Ration ausgeteilt"), vom Grundsatz her nicht verpflichtet war, den Käufer anzulocken. Gerade deswegen erscheinen die Versuche des Herstellers, ihm doch eine gewisse Anziehungskraft zu verleihen, höchst amüsant für einen, der mit der internationalen konsumorientierten Ästethik gut vertraut ist. Daher die besondere Vorliebe der Sammler von heute für die sowjetische gegenständliche Umwelt.

Obwohl die totalitäre Gesellschaft bewußte wie unbewußte Versuche zur Unifizierung der gegenständlichen Umwelt unternommen hat, dominiert am "sowjetischen Gegenstand" trotzdem nicht so sehr der Standard, sondern vielmehr die Abweichungen von diesem Standard, der handwerkliche und hausgemachte Charakter. Zahlreiche Gegenstände wurden eigenständig gefertigt oder sehen jedenfalls so aus; als ob sie noch zur vorindustriellen Gesellschaft gehören.

Die Ausstellung "Die Erinnerung des Körpers" ist der Geschichte des "sowjeteigenen Gegenstandes" gewidmet, und zwar am Beispiel dessen, was für viele Menschen zu ihrer intimsten Erfahrung des sozialen Umgangs geworden ist: der Unterwäsche. In den letzten Jahren sind in Europa und in den USA mehrere Bücher über die Geschichte der Wäsche, insbesondere der Wäsche des 20.Jahrhunderts erschienen. Es wurden auch etliche Ausstellungen gezeigt. Die vorliegende Ausstellung ist weder eine Wiederholung noch eine Weiterentwicklung der bisherigen Expositionen. Denn die Sowjetwäsche weist eine ganze Menge von Besonderheiten auf und ist, was noch wichtiger erscheint, in völlig andere Zusammenhänge eingeordnet, wobei sie - vor allem emotional - völlig andere Assoziationen auslöst.

Die Geschichte der europäischen und der amerikanischen Wäsche des 20. Jahrhunderts wird in erster Linie durch zwei Umstände geprägt: die zunehmende Kommerzialisierung (Massenproduktion, agressive Werbung) sowie durch die finanzielle Unabhängigkeit und Emanzipation der Frau (Verzicht auf das Korsett in den 20er Jahren und auf den BH in den 60er Jahren). Jedoch waren in der UdSSR diese beiden Umstände von keiner großen Bedeutung. So gab es etwa in den 60er Jahren keinen Kampf gegen den BH, weil deren Benutzung bereits in den 30er Jahren ungebräuchlich geworden war. Da die Wäsche nicht in den Marktkontext eingeordnet war, gab es dafür kaum Werbung (bis auf die kurze NÖP-Zeit in den zwanziger Jahren), Verpackungen gab es auch keine (in den Kaufhäusern lagen die BHs haufenweise in den Regalen) und die wenigen vorhandenen Darstellungen (z.B. in den Nähhandbüchern) hatten nicht die Aufgabe, den Leser durch die Schönheit zu "verführen". Dennoch, obwohl die gesamte Ideologie des Sozialismus der westlichen "Konsumgesellschaft" und dem Warenkult entgegenwirkte, kam es ausgerechnet in der UdSSR mit immer krasser werdenden Warenknappheit zur Fetischisierung des schönen, "reichen" und "westlichen" Gegenstands, wie dies in der Nachkriegszeit für die UdSSR etwa die DDR-Unterwäsche gewesen ist. Die westliche Wäsche brachte nicht so sehr die Bilder der Lust zum Ausdruck, sondern war vielmehr selber ein Lustobjekt.

Generell aber, weil das Sexthema (und weitgehend auch das Thema des Körpers insgesamt) in der Gesellschaft ein Tabu war, gehörte die Wäsche zum Bereich des Geheimen, des Verborgenen. In einem viel höheren Maße als im Westen gehörte die Wäsche zur privaten Sphäre des Menschen (sie wurde häufig per Hand gefertigt und geändert). Ungeachtet dessen, daß die Wäsche im Grunde für alle gleich war (in manchen Jahrzehnten produzierten die Fabriken nur ein einziges Modell von Unterkleidern oder Herrenunterhosen), wurde sie wie eine zutiefst persönliche Erfahrung beherzigt, vor allem eine Erfahrung der Scham und Peinlichkeit (weil diese Wäsche unschön und arm war, aber auch wegen der Tatsache selbst, daß einer etwas tragen mußte, was in der Gesellschaft tabuisiert worden war). Von dieser Schamerfahrung in Verbindung mit der Unterwäsche erzählen lachend oder mit Bitternis alle, die in der UdSSR gelebt haben.

Die Ausstellung hat nicht so sehr zur Aufgabe, die Geschichte der Wäsche in der UdSSR streng akademisch zu präsentieren, sondern vielmehr die rasch in die Vergangenheit entfliehende emotionale Erfahrung der Sowjetmenschen zu bewahren. Deshalb sollen in dieser Ausstellung die Erzählungen realer Menschen über die amüsanten und peinlichen Lebenslagen im Zusammenhang mit der Unterwäsche - zerrissene Strümpfe, geplatzte Gummibänder und die aus dem Ausland gebrachten BHs - eine wichtige Rolle spielen. Diese Erzählungen werden in Form von Tonbandaufnahmen und Wandtexten vorgestellt, weil der eine Teil der russischen Besucher das Hören und der andere das Lesen als Wahrnehmungskanal bevorzugt (außerdem besitzt die umgangssprachliche Rede in Form eines Textes besondere Anziehungskraft). Falls die Ausstellung in Deutschland gezeigt werden soll, kommen nur die Texte in Frage.

Eine andere "nichtakademische" Komponente der Ausstellung werden die Werke der Künstler der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts sein, die den sowjeteigenen Alltag und die sowjeteigene Körperlichkeit zum Thema haben. Im Gegensatz zu den Sozart-Künstlern, deren Kindheit (und dementsprechend die maßgebliche Lebenserfahrung) der klassische Stalinsche Totalitarismus mit einer Dominante des ideologischen Optimismus gewesen ist, bauen die Künstler der neunziger Jahre auf ihrer Kindheit auf, die in den sechziger und siebziger Jahren verlaufen ist, wo die Ideologie verschwommen, die freiwillige Grundlage des kommunalen Zusammenlebens untergraben und der depressive und zutiefst private Alltag dominant war. Im Mittelpunkt der gesamten Ausstellung steht somit die Ästhetik der Nachkriegsjahre wie am geringsten erforschter Teil des Sowjetuniversums und zugleich als jener Teil, dessen Erinnerungen für die heute in Rußland lebenden Menschen besonders aktuell sind.

 Elemente
Die Wäschegegenstände werden "feierlich", je ein Stück (etwa an einem Mannequin) ausgestellt, als wäre dies ein kostspieliges Theaterkostüm, oder aber - gleich in großen Mengen, um den kommunalen Charakter des Alltags herauszustellen. So wäre es zum Beispiel denkbar, den Verkauf von BHs oder von Sportunterhemden so zu zeigen. Beliebige nicht-traditionelle Formen der Wäschepräsentation (auf den Leinen, naß im Eimer, verdeckt in den Kisten etc.) kommen dazu. In jedem der drei Abschnitte hebt sich ein eigener "Fetischgegenstand" hervor oder auch zwei, die auf besondere Weise dargeboten werden können.

* Die Furnitur, das Zubehör (Knöpfe etc.), Haushaltsgegenstände (Schüsseln zum Wäschekochen, Bügeleisen, Wäscheklammern, Leinen etc.) aus denselben Sammlungen - in geringer Anzahl, für den Expositionsbedarf.
* Die originären Grafikwerke (16), Fotos (ca.20), Plakate (16), Editionen aus der Sammlung des Museums für Geschichte Sankt-Petersburg und der Öffentlichen Bücherei Saint-Petersburg (eventuell auch noch aus Moskauer Sammlungen).
* Die Erzählungen der Menschen: Tonbandaufnahmen, die über Lautsprecher in allen oder in den meisten Ausstellungsräumen hörbar sind.
Darüber hinaus aus dem PC ausgedruckten Texte, vergrößert etwa bis 100x60 cm (die Zahl hängt von der verfügbaren Fläche auf dem Korridor ab).
* Die Werke moderner Künstler.
Diese Werke werden nicht als gesonderter Abschnitt gezeigt, sondern durchdringen die gesamte Ausstellung quasi als Kommentar dazu.

 Künstlerarbeiten
1. Das Videoprojekt von Dmitrij Gutow. 10 bis 12 Interviews mit bekannten russischen Politikern und Kulturschaffenden zu deren persönlichen Erfahrung mit der sowjetischen Unterwäsche. Das Projekt soll auf Videomonitoren (4-8) gezeigt werden.
2. Das Filmprojekt von Michail Braschinskij: Eine Montage von Fragmenten aus sowjetischen Filmen mit Unterwäsche. Der Film wird im verdunkelten Saal an die Wand projiziert.
3. Die Installation von Natalja Perschina-Jakimanskaja "Geheimes Zimmer": mehrere Spiegel, Objekte in Glasvitrinen, ein Behälter mit Wasser, Schränke, Beleuchtung, ein Tonbandgerät (Siehe das Projekt: eine genauere Kostenrechnung ist erforderlich).
4. Die Installation von Olga Jegorowa: ein Videofilm, der im verdunkelten Raum auf die Leinwand projiziert wird; ein Wäschständer, ein Spiegel.
5. Das Projekt von Anton Olschwang: 8 bis 10 farbige Fotos im Großformat (Amateurbilder aus den 80-90er Jahren), Objekte mit Ausnutzung realer Wäschegegenstände (können auch einzeln gezeigt werden).
6. Zwei Projekte von Olga Tschernyschjowa: a) 8 schwarzweiße Fotos 100x80 cm; b) Malerei (Pseudowerbung für die Wäsche), 6 Stck. 100x100 cm.
7. Fotos von Tatjana Lieberman: 6-10 schwarzweiße Fotos 60x90 oder 100x150 cm.
8. Fotos von Boris Michailow (möglich, wenn es gelingt, die Autorennegative zu bekommen).
Alle Werke werden speziell für die Ausstellung vorbereitet.

 Gestaltung
In jedem Saal muß eine visuelle Dominante (ein Blickfang) in Form von Großdarstellungen an den Wänden vorhanden sein. Denkbar wären irgendwelche preiswerten Technologien, weil Perfektion in all diesen Fällen nicht nötig und sogar nicht wünschenswert ist.
Das Leitmotiv der Ausstellung sind die großen Schwarzweißfotos der Wäschedetails, zum Beispiel:
* die zwanziger bis vierziger Jahre - die Spitzen, die Klemmen, der Sockenhalter, ein kaputter Knopf, das Strumpfhalteband;
* die fünfziger bis sechziger Jahre - ein geflickter Strumpf, ein Miederverschluß, die Armhöhlenunterlagen, die Rückseite, die Haken, die Maschen, die Stickerei, die Etiketten, die nachgenähten BH-Schalen;
* die siebziger bis achtziger Jahre - ein neuartiger BH-Verschluß, Stempel für die Wäscherei, ein überdehntes Gummiband, eine kaputte Strumpfhose, Preislisten, BH-Plastikschalen.
Mindestgröße: 100x100 (die Wirkung wird gerade durch die Vergrößerung erzielt). Anzahl: ca. zwanzig Stück. Auswahl der Themen: Katja Djogot und Julia Demidenko.
Darüber hinaus kann in jedem Saal eine Großdarstellung von einer "archetypischen Figur" jener Zeit untergebracht werden (Fotoreproduktion, Filmbilder oder Illustrationen aus einem Nähhandbuch oder dergleichen).

 Abteilungen
Die Ausstellung hat einen Prolog und drei Kapitel, die die Veränderungen der Sowjetwäsche vor dem Hintergrund der Entwicklung der Sowjetgesellschaft zeigen. Es nicht die übliche Einteilung in die "Leninschen" 20er Jahre und die "Stalinschen" 30er-50er Jahre verwendet, sondern in die Vorkriegsgeschichte (1920-1945) und Nachkriegsgeschichte (1945-1970 und 1970-1990) gegliedert, weil vermutlich gerade nach dem Krieg sich der sowjetische Alltag herauskristallisiert, wo sich einerseits das Projekt der kompletten Kollektivierung des Lebens der Menschen als nicht stichhaltig erwiesen hat und andererseits die Schließung des Landes zu einer unbestreitbaren und ständigen Tatsache geworden war. Anstelle des Zukunftsstrebens war der Versuch einer Anpassung an das Leben in der Gegenwart zur Dominante geworden. "Die Persönlichkeit und die Gesellschaft" hieß das UdSSR-Problem der Nachkriegszeit.

Die Werke zeitgenössischer Künstler werden als Parallelkommentar in die historische Exposition eingebunden.

Ausstellungen >> "Das Gedächtnis des Körpers >> Konzept 1999




 
 
 



Home .. Ausstellungen .. Begegnungen .. Konferenzen .. Newsroom .. Partner .. Personen .. Salon
Redaktion, Webmaster: Karl-Heinz Ziessow, Wilfried Wördemann
© Karl-Heinz Ziessow, 2001-2003, Impressum
http://www.eastwestculture.org/