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Konferenzen >> Saratow Mai 2002 >> Pressestimmen >> Moskauer Deutsche Zeitung (MDZ) 20.06.2002 Internationale wissenschaftliche Konferenz: Russlanddeutsche in Russland und Deutschland am Ende des XX. Jahrhunderts - Saratow, 26.-28. Mai 2002
Pressestimmen
Goethe-Institut will in Ost und West an die Geschichte der Wolgadeutschen erinnern Von Stefan Koch Ein Historiker und Mitarbeiter des Moskauer Goethe-Instituts forschen an der Wolga nach den Wurzeln der russlanddeutschen Besiedlung. In Saratow wurden sie fündig und trafen Artur Karl, der in seiner Kindheit noch friedlich auf den Hügeln des Flusses spielte. Bis weit in die Ebene erstreckt sich der Fluss. Tiefblau liegt er unten im Tal und bildet die natürliche Grenze zwischen den sanften Hügeln Zentralrusslands und der asiatischen Steppe. Vom neuen Denkmal aus, das an die sowjetischen Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erinnert, sind die Ausflugsdampfer, Fischkutter und kleinen Ruderboote auf der Wolga gut zu erkennen. Träge dümpeln sie in der strahlenden Junisonne vor sich hin. Ein Blick, wie ihn Artur Karl schon aus seiner Kindheit in den zwanziger und dreißiger Jahren kennt. Damals spielte Karl häufig mit seinen deutschen Freunden auf den Hügeln hoch oben über der Wolga. Völlig verändert hat sich seit seiner Kindheit dagegen die Kulisse der Stadt Saratow, die eingezwängt zwischen den Hügeln und der Wolga liegt. Wo einst spitze Kirchtürme und goldene Kuppeln der orthodoxen, katholischen und evangelischen Kirchen in den Himmel ragten, stehen heute graubraune Plattenbauten. Bis auf den Altstadtkern ist Saratow von der sowjetischen Architektur genauso geprägt wie all die anderen Großstädte entlang der Wolga. Dass Saratow dennoch eine ganz andere Geschichte besitzt als seine Nachbarstädte, ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Artur Karl gibt sich zwar alle Mühe, Besucher auf die Besonderheiten seiner Heimat hinzuweisen, die über 200 Jahre Modellcharakter für ganz Russland hatte. Dennoch fällt es nicht leicht, den Erzählungen des alten Mannes Glauben zu schenken, wenn gleichzeitig der Blick über trostlose Satellitenstädte, verwahrloste Holzhäuser und wilde Müllkippen schweift. Gäste werden daher gern auf die Anhöhe beim neuen Kriegsdenkmal geführt. Von hier aus erscheinen die Widrigkeiten des Alltags etwas kleiner. Und der Blick auf die unendlich erscheinende Wolga erklärt schnell, warum diese Region eine große Anziehungskraft auf tatendurstige Einwanderer aus dem Westen hatte: Das ausgedehnte Flussbett und die beginnende Steppe regen die Fantasie an und laden zu Erkundungen ein. Bis zum Zweiten Weltkrieg galten Saratow und das nahe gelegene Engels am anderen Ufer der Wolga als Zentrum der Deutschstämmigen in Russland. Deutsche Einwanderer lebten zwar auch in St. Petersburg, Moskau und auf der Krim. Doch in keiner anderen russischen Region gab es ein so geschlossenes Siedlungsgebiet von Schwaben, Hessen und Brandenburgern wie entlang der Wolga bei Saratow und Engels. Hier pflegten die Zuwanderer ihre althergebrachte Kultur, besuchten deutschsprachige Schulen und Theater und lasen deutschsprachige Zeitungen. Ebenso wie für die anderen Minderheiten im Vielvölkerstaat Russland galt es für deutsche Bauern und Kaufleute als Selbstverständlichkeit, auf ihre Herkunft hinzuweisen. Bis zum 21. August 1941: An diesem Tag veröffentlichte die Moskauer Führung einen Erlass, der die Deutschstämmigen pauschal der Kollaboration mit der heranrückenden deutschen Wehrmacht verdächtigte. In kürzester Zeit ließ der Kreml das Leben der Wolgadeutschen zerstören. Die Rotarmisten rissen Familien auseinander und deportierten die arbeitsfähigen Männer in Straflager nach Sibirien - in die so genannte Trudarmee. Unzählige Frauen und Kinder wurden in Eisenbahnwagons gepfercht und in die kasachische Steppe deportiert, wo Tausende verhungerten. Wer deutscher Abstammung war, galt als Staatsfeind. Eine jahrzehntelange Odyssee begann, die für viele erst in den neunziger Jahren mit der Ausreise nach Deutschland zu Ende ging. Artur Karl gehört zu den wenigen, die nach jahrelanger Zwangsarbeit in einem sibirischen Bergwerk an die Wolga zurückkehrten. Trotz eines allgemeinen Verbots für Russlanddeutsche, wieder in die Heimat zu ziehen, gelang es Karl über Umwege, eine Aufenthaltsgenehmigung von den russischen Behörden zu erhalten. Dass Karl es versteht, energisch aufzutreten und für seine Forderungen zu streiten, ist ihm bis heute anzumerken. Der 74-Jährige ist noch immer eine imposante Erscheinung mit einer durchdringenden Stimme: Hochgewachsen, kräftig an Bauch und Schulter, mit vollem weißen Haar, ein Mann, der sich nicht so leicht zur Seite drängen lässt und der es verstand, trotz seiner deutschen Herkunft in der Sowjetunion Karriere zu machen. Damals war Karl zeitweilig Direktor eines 3000-Mann-Betriebes; heute beschäftigt er sich mit der Vergangenheit und will an das Leben seiner Väter und Großväter erinnern. Karl gibt die zweisprachige Zeitung "Unser Wort" heraus, die sich der Situation der Russlanddeutschen widmet und betreut in Saratow und Engels Archive, die über unzählige Dokumente zur Geschichte seiner Landsleute verfügen. Historiker aus Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten sind regelmäßig in Saratow zu Gast, um dieses ungewöhnliche Kapitel der russischen Geschichte zu erforschen. Sie lassen sich im Stadtzentrum die prächtigen Häuser aus der Zarenzeit zeigen, die von deutschstämmigen Händlern gebaut worden sind, und suchen nach Spuren des vergangenen Kulturlebens. Mit Vorliebe gehen sie auch der Frage nach, warum es ausgerechnet der Sowjetführer Lenin war, der den Deutschstämmigen Anfang der zwanziger Jahre die autonome Wolgarepublik bescherte, und warum sich heute, 60 Jahre nach der Vertreibung, so viele Saratower die Deutschstämmigen und deren autonome Republik wieder zurück wünschen. Fragen, die sich auch das Goethe-Institut stellt - allerdings mit einem anderen Hintergrund. Nach der massenhaften Auswanderung der Deutschstämmigen in die Bundesrepublik macht unter den Mitarbeitern des Goethe-Institutes schon länger der Gedanke die Runde, die Geschichte der Wolgadeutschen auch in Deutschland zu dokumentieren und öffentlich zu präsentieren. Gemeinsam mit dem Historiker Karl-Heinz Ziessow vom niedersächsischen Museumsdorf Cloppenburg spürt das Moskauer Büro des Goethe-Institutes den Museumsbeständen der Wolgadeutschen nach und sucht bei der Gelegenheit auch das Gespräch mit Artur Karl in Saratow. Allerdings nicht, um in eigener Regie ein Museum der Russlanddeutschen im Westen aufzubauen, sondern nur, um erste Grundlagen für ein Projekt dieser Art zu legen. Nach Meinung von Ziessow ist es noch zu früh, um das Projekt in allen Details beschreiben zu können. Für den niedersächsischen Historiker ist es aber nahe liegend, für die Spätaussiedler in Deutschland einen eigenen "Identifikationspunkt" zu schaffen, an dem sie sich eingehend über das Leben ihrer Vorfahren informieren können. Mit der Deportation und der späteren Übersiedlung in den Westen seien sie schließlich von ihrer Geschichte abgeschnitten worden. Gerade jungen Spätaussiedlern will Ziessow helfen, Fragen nach ihrer Herkunft schnell und anschaulich zu beantworten. "Vor dem Hintergrund der anhaltenden Diskussion in Berlin um eine bessere Integration von Zuwanderern ist das sicherlich eine sinnvolle Sache", meint der Museumsexperte. Das kann Artur Karl nur bestätigen: "Wir konnten uns jahrzehntelang nicht mit unserer eigenen Vergangenheit beschäftigen. Es wird höchste Zeit, dass das nachgeholt wird." Der rüstige Pensionär verbindet mit der Idee, in der Bundesrepublik eine Dokumentationsstelle für Russlanddeutsche aufzubauen, konkrete Hoffnungen: "Wer in dem neuen Haus Interesse an dem Thema bekommt, besucht vielleicht anschließend unsere Museen an der Wolga." Copyright © MDZ 2002. Erscheinungsdatum 26.06.2002 Konferenzen >> Saratow Mai 2002 >> Pressestimmen >> Moskauer Deutsche Zeitung (MDZ) 20.06.2002 |
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