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Eine Revolution in Bögen - Die Geschichte des Papiers Jonathan M. Bloom
Zuerst erschienen in englischer Sprache in: ARAMCO World magazine, Volume 50, No. 3, May/June 1999, pp.26-39. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Karl-Heinz Ziessow
(Text in englischer Sprache: Revolution by the Ream - A History of Paper)
Papier, dieses heute allgegenwärtige Material, wurde vor mehr als zweitausend Jahren in China erfunden. Fast ein Jahrtausend ging jedoch ins Land, bevor Europäer mit ihm in Berührung kamen, und mit seiner Herstellung begannen sie erst im 11. und 12. Jahrhundert, nachdem die Mohammedaner die ersten Papiermühlen in Spanien errichtet hatten. Der Deutsche Ulman Stromer, der Papiermühlen in Italien kennen gelernt hatte, errichtet die erste nödlich der Alpen in Nürnberg im späten 14. Jahrhundert.
Die kulturelle Umwälzung, die von Johann Gutenbergs Druckerpresse in Mainz im 15. Jahrhundert ausgelöst wurde, hätte ohne Papiermühlen wie jene von Ulman Stromer nicht stattgefunden, denn selbst die frühesten Druckerpressen konnten ein Buch um ein Vielfaches schneller herstellen als Kopiisten, und sie verschlangen Bogen über Bogen. Unser Papierbedarf hat seither nie mehr nachgelassen, weil wir fortwährend neue Anwendungsbereiche für dieses vielseitige Material entwickeln und neue Quellen für die Fasern, aus denen es besteht. Sogar heute, trotz des "papierlosen Büros", das uns der Computer verspricht, verwenden wir alle mehr Papier als jemals zuvor, nicht nur für die Kommunikation, sondern auch zum Verpacken, Filtern, für die Konstruktion und Hunderte anderer Zwecke.
Wie kam Papier von China nach Europa? Bald nach seiner Erfindung brachten chinesische Kaufleute und Missionare Papier - und das Wissen um seine Herstellung - in Nachbarländer wie Japan, Korea und Zentralasien. Im 8. Jahrhundert kamen Muslime dort zum erstenmal mit ihm in Beerührung. Die islamische Zivilisation verbreitete die Kenntnis des Papiers und der Papierherstellung in den Irak, nach Syrien, Ägypten, Nordafrika und schließlich nach Spanien. Diese Schlüsselrolle der islamischen Kultur können immer noch an dem Wort "Ries" ablesen, das heute Einheiten von 500 Blatt Papier bezeichnet. Dies Wort drang über das altfranzösische "rayme" ins Englische vor, über das spanische "resma", das wiederum auf das "rizmah" im Arabischen zurückgeht, wo es einen Packen oder ein Bündel bezeichnet.
Die meisten Abhandlungen zur Geschichte des Papiers richten ihr Augenmerk entweder auf seine Ursprünge in China oder auf seine Entwicklung in Europa und vernachlässigen völlig jene Jahrhunderte, in denen die sich das Wissen um das Papier und seine Herstellung in den islamischen Ländern ausbreitete. Ein Grund für diese Vernachlässigung liegt in der Schwierigkeit, islamische Papiere zu untersuchen, denn islamische Papiere besitzen, anders als ihre späteren europäischen Nachfolger, keine Wasserzeichen, und so ist es schwierig, Ort und Zeitpunkt ihrer Herstellung zu bestimmen. Wie dem auch sei - die Ausbreitung des Papiers und der Techniken seiner Herstellung in den islamischen Ländern bewirkte enorme Veränderungen in so verschiedenen Bereichen wie Literatur, Mathematik, Handel und Kunst, genauso wie der Druck mit beweglichen Lettern einen revolutionären Umbruch bewirkte, dessen Folgen wir bis heute spüren.
Europäer haben lange über die Ursprünge des Papiers diskutiert. Bis vor kurzem führten die meisten Leuten Papier auf Papyrus zurück, oder sie glaubten, es sei von den Europäern oder Arabern erfunden worden. In der Tat stammt das Wort Papier, das im Englischen seit dem 14. Jahrhundert belegt ist und über das altfranzösische und Spanische dorthin gelangte, vom lateinischen Wort, papyrus.
Mittelalterlichen Muslimen hingegen war bewusst, dass Papier aus China kam. Bereits im 11. Jahrhundert berichtete der arabische Historiker 'Abd al-Malik al Tha'alibi in seinem Buch der kuriosen und unterhaltsamen Kenntnisse über die Eigeheiten der verschiedenen Länder, dass "Papier zu den Besonderheiten Samarkands gehört, und es sieht besser aus und ist $weicher, angenehmer im Gebrauch und besser zum Schreiben geeignet als Papyrus und Pergament", die beiden wichtigsten Beschreibstoffe der Antike. Laut al-Tha'alibi führten Chinesen, die von dem Heerführer Ziyad ibn Salih gefangen genommen worden waren, die Papierherstellung nach der Schlacht von Talas 751 in Samarkand ein. Dann wurde Papier in großem Umfang hergestellt und allgemein in Gebrauch genommen, bis es zu einem wichtigen Exportgut für die Bevölkerung Samarkands wurde, wie al-Tha'alibi schrieb. "Sein Wert war allgemein anerkannt, und alle Menschen verstanden es zu gebrauchen."
Ob man nun al Tha'alibis Erzählung für bare Münze nimmt oder nicht: das Papier wurde im Mittleren Osten ohne Zweifel auf dem Weg über Zentralasien eingeführt. Papierfunde wurden an mehreren Orten Zentralsiens gemacht., wo ein extrem trockenes Klima zu ihrer Erhaltung beitrug. Im Jahr 1900 entdeckte ein buddhistischer Mönch zufällig mehr als 30.000 Papierrollen in einer Höhle in Dunhuang in der chinesischen Provinz Gansu. Da die Höhle 366 in Gebrauch genommen und im 10. Jahrhundert verschlossen wurde, müssen die Papiere - darunter buddhistische, taoistische und konfuzianische Texte, Regierungsdokumente, Geschäftsverträge, Kalender und verschiedene Übungen in Chinesisch, Sanskrit, Sogdisch, Persisch, Uigurisch und Tibetisch - aus der Zeit des 6. Jahrhunderts stammen. 1907 entdeckte der britische Forscher Sir Aurel Stein weiter westlich eine Gruppe sogdischer Papierdokumente in der Ruine eines Wachturms zwischen Dunhuang und Loulan. Sie bestand aus fünf fast vollständigen Briefen und mehreren Fragmenten. Die Briefe aus der Zeit zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert wurden in einem Abfallhaufen gefunden und gehören wahrscheinlich zu einem verlorenen oder abgelegten Postsack. Einer der Briefe war in Seide verpackt und befand sich in einem Umschlag aus grobem Tuch, der nach Samarkand adressiert war, das 2000 Meilen (3200 Kilometer) weiter westlich liegt. Der Fund belegt, dass Papier von den Händlern der Seidenstraße in den Oasenstädten Zentralasiens bereits vor der Ankunft des Islam benutzt wurde.
1933 fanden russische Forscher mehrere Papierdokumente unter 76 sogdischen, arabischen und chinesischen Texten, die am Mount Mug, der Bergfestung bei Pendzhikent in Tadschikistan entdeckt worden waren, wohin Devastitsch, der Herr von Panch, vor den arabischen Eindringlingen 722-723 versucht hatte zu fliehen, etwa drei Jahrzehnte vor der Schlacht von Talas. Pendzhikent, in der östlichen Nachbarschaft von Samarkand, ist nur 500 Kilometer (300 Meilen) von Talas entfernt.
Die Ausbreitung in Zentralasien lässt sich anhand des ersten arabischen Worts für Papier, kaghad, und des türkischen Worts, kâðit, verfolgen, die bis heute benutzt werden. Beide gehen auf sogdische und uigurische Begriffe zurück, die wiederum von dem chinesischen Wort gu-zhi, "Papier aus der Rinde des Papier-Maulbeerbaums" [Broussonetia papyrifera; Anm. d. Ü.], abstammen. Qirtas, ein anderes frühes arabisches Wort für Papier, war den griechischen chartes entlehnt und bezeichnetet ursprünglich Papyrus, Papyrusrollen und Pergament. Quirtas begegnet uns in diesem Sinne im Koran (Sure 6, "Vieh", Verse 7 und 91) und bezieht sich dort auf Schriftstücken mit einzelnen Seiten. Das häufigste Wort für Papier im Arabischen - und eines, das noch heute in Gebrauch ist - wurde dann waraq, das eigentlich "Laub" oder "Blätter" bedeutet, wahrscheinlich als eine Kurzform von waraq qirtas, "ein Blatt Papier". Andere Bezeichnungen, die sich von waraq herleiten, sind waraqua ("ein Blatt Papier"), warraaq ("Papierverkäufer", "Papiermacher", "Papierhändler" und, im übertragenen Sinne, "Kopiist") und wiraaqa ("Papiermacherei"), sowie ebenso viele Wortverbindungen, die sich auf Papiergeld, Lotterielose, Wechsel, Banknoten und dergleichen.
Während der Regierungszeit des Abbasiden-Kalifen Harun al-Rashid (786-809) wuchs die Menge des verfügbaren Papiers in Bagdad so weit an, dass man es in der Verwaltung anstelle von Papyrus und Pergament verwenden konnte. Ibn Khaldun, der große nordafrikanische Historiker und Philosoph des 14. Jahrhunderts, berichtet davon, dass der Wesir al-Fadl ibn Yahya die Papierherstellung in Bagdad einführte, als das Pergament knapp wurde und er weiteres Schreibmaterial benötigte. Der Wesir, dessen Familie aus Balkh kam, das heute im nördlichen Afghanistan liegt, war wahrscheinlich schon seit seiner Jugend mit vertraut mit dem Gebrauch des Papiers. "Deshalb", so schreib Ibn Khaldun, "wurde Papier nun für Regierungsdokumente und Urkunden verwendet. Danach benutzten die Leute Papier in Blättern für die Verwaltung und für wissenschaftliche Arbeiten, und die Herstellung [von Papier] erreichte einen erheblichen Grad der Vervollkommnung." Ibn Khaldun unterließ es, einen der wichtigsten Vorzüge von Papier zu erwähnen: Da die Tinte in das Papier eindrang, konnte das Geschriebene nicht so einfach davon entfernt werden wie von Papyrus und Pergament. Papierdokumente waren daher schwerer zu fälschen.
Bald waren Papierherstellung und -verkauf bedeutende Wirtschaftszweige in Baghdad. Ahmad ibn Abi Tahir (819-893), der Lehrer, Schriftsteller und Papierhändler, ließ sich am Suq al-Warraqin (dem Papiermarkt) nieder, einer Straße, gesäumt von mehr als 100 Papiergeschäften und Buchhändlern. Papiergeschäfte müssen zur Zeit der Abbasiden in Baghdad wir private Forschungsbibliotheken funktioniert haben, denn von al-Jahiz, dem Universalgelehrten des 9. Jahrhunderts wird berichtet, dass sich tageweise in Papiergeschäften eingemietet habe, um Bücher in deren Lagerbeständen zu studieren. Ein anderer berühmter Papierhändler war Abu'l Faraj Muhammad ibn Ishaq (gest. 995), der auch unter dem Namen Ibn Abi Ya'qub al-Nadim al-Warraq ("der Papierhändler") bekannt war. Er nutzte sein umfangreiches berufliches Wissen, um die Enzyklopädie Fihrist, eine reichhaltige Quelle von Informationen über mittelalterliche Bücher und mittelalterliches Schreiben, zusammenzustellen.
Die neue Verfügbarkeit von Papier im neunten Jahrhundert brachte einen außergewöhnlichen Schub in der Produktion nahezu aller Bereiche, von der Theologie über die Naturwissenschaften bis hin zur Schönen Literatur. Geistliche Gelehrte sammelten und kodifizierten die Überlieferung (hadith) des Propheten, die seit seinem Tod 632 mündlich tradiert worden war, und hielten sie mit Hilfe von Tinte und Papier fest. Neue Formen der Literatur, wie etwa Kochbücher und die Erzählungen, die wir unter dem Namen der Märchen aus den Tausendundein Nächten kennen, wurden auf Papier übertragen, um sie an interessierte Leser zu verkaufen. Wenn frühere Kalifen auch bereits Bibliotheken besessen hatten, so war es doch Haruns Sohn und Nachfolger al-Ma'mun (813-833), der die Kalifatsbibliothek ausbaute, die uner dem namen bayt al-hikmah oder "Haus des Wissens" bekannt wurde. Wissenschaftler und Kopiisten übersetzten griechische Texte, die auf Pergament und Papyrus geschrieben waren, ins Arabische und übertrugen sie auf Papier, das dann zu Büchern gebunden wurde. Die neue Verfügbarkeit von Papier beförderte aber auch neue Auseinandersetzungen mit bereits bekannten Dingen. Zur gleichen Zeit, als sich das Papier in den islamischen Ländern ausbreitete, drang das Rechensystem der Hindus mit Ziffern im Zehnersystem - die wir "arabische Zahlen" nennen - nach Westen vor. Bevor das System der Hindus übernommen wurde, vollzogen die Menschen in islamischen Ländern ihre Berechnungen im Kopf und hielten Zwischenergebnisse entweder auf dem Rechenbrett fest - das während aufeinander folgender Additionen oder Subtraktionen immer wieder gelöscht werden konnte - oder durch die Position ihrer Finger ("Finger-Rechnen"). Das erste Handbuch der Rechenkunst der Hindus in Arabisch wurde von Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi (ca. 825) geschrieben, dessen Name in unserem Wort Algorithmus verewigt ist, einem Verfahren zur mathematischen Problemlösung durch eine festgelegte Serie von Rechenschritten. Al-Khwarizmis Abhandlung zufolge werden die Grundrechenarten dadurch ausgeführt, dass man die Zahlen übereinander schreibt; der Rechenprozeß beginnt von links. Ziffern werden gelöscht und verschoben, ein Vorgang, der noch deutlich auf seine Herkunft von der Praxis des Rechenbretts verweist. Ein Jahrhundert später aber modifizierte der Mathematiker Abu al-Hasan Ahmad ibn Ibrahim al-Uqlidisi ("der Euklide") das indische Rechenverfahren in einer mathematischen Abhandlung, die er in Damaskus 952/53 verfasste, um es dem Gebrauch von Tinte und Papier anzupassen. Obwohl al-Uqlidisis Verfahren weder die Verschiebung noch das Löschen von Ziffern - das auf Papier nicht möglich ist - erlaubte, brachte es eine weit größere Flexibilität für das Rechnen.
Ein griechisches Manuskript, das sich nunmehr in der Bibliothek des Vatikans befindet, wird als das älteste erhaltene Schriftstück auf arabischem Papier angesehen. Es besteht aus einer bunten Mischung der Lehren der Kirchenväter und wurde vermutlich in Damaskus um das Jahr 800 kopiert. Es zeigt, dass der Gebrauch des Papiers nicht auf die islamische Verwaltung in Bagdad beschränkt blieb. Papier wurde auch von den Christen benutzt, die unter islamische Herrschaft in Syrien lebten und eine Schlüsselrolle bei den großen Übersetzungsprojekten dieser Zeit innehatten.
Ein anderes Papierfragment zeigt, dass Papier die Übertragung und Weitergabe neuer Formen der Literatur beförderte. Das beschädigte, gefaltete, leicht bräunliche Blatt aus Leinenfasern wurde in Ägypten entdeckt und befindet sich nun in der Sammlung des Orient-Instituts in Chicago. Es enthält den Titel und die älteste bekannte Fassung der Erzählungen aus den Tausendundein Nächten, wie auch einige andere Texte und eine Zeichnung. Die Anordnung des Geschriebenen deutet darauf hin, dass das Blatt im Originalzustand die ersten beiden Seiten eines Manuskripts ausmachte. Ende 879 wurde es zum Abfallpapier, als ein gewisser Ahmad ibn Mahfuz auf den Rändern aller vier Seiten Gesetzesformulierungen notierte. Da ägyptische Schreiber im gesamten neunten Jahrhundert weiterhin Papyrus benutzten, vermutete der bedeutende arabische Wissenschaftler Nabia Abbott Syrien im ersten Viertel des neunten Jahrhunderts als Entstehungsort des Manuskripts, also etwa dieselbe zeit und der gleiche Ort wie das Manuskript im Vatikan.
Das älteste erhaltene datierte Buch in arabischer Sprache auf Papier ist eine Teilkopie von Kitab Gharib al-Hadith (Das Buch der linguistischen Probleme in der Überlieferung des Propheten), fertiggestellt 866. Dies Buch wird allgemein als ein Fragment von Abu 'Ubayd al-Qasim ibn Sallams Arbeit über ungewöhnliche Ausdrücke in den Überlieferungen des Propheten angesehen. Das Manuskript, das sich in der Bibliothek der Universität von Leiden befindet, wird auf November oder Dezember 866 datiert. Es ist auf dunkelbraunem, dichtem, steifem Papier geschrieben. Es ist stark, von mittlerer Dicke und wurde offensichtlich auf beiden Seiten poliert. Wir wissen also nun, dass Papier in den islamischen Ländern mindestens seit dem neunten Jahrhundert für christliche, weltliche und theologische Manuskripte benutzt wurde.
Es scheint jedoch einigen Widerstand dagegen gegeben zu haben, den Koran, das wichtigste und populärste Buch in den islamischen Ländern, das normalerweise auf Pergamentbögen niedergeschrieben wurde, auf dieses neue Material zu übertragen. Pergament wird aus den gewässerten, gestreckten und geschabten Häuten von Schafen und Ziegen hergestellt. Es ist fest und haltbar, aber teuer in der Herstellung, weil über die Arbeit der Herstellung hinaus das Tier getötet werden muss, um an seine Haut zu gelangen. Schließlich siegte jedoch das Papier als Beschreibstoff, und zur gleichen Zeit traten die für das Schreiben auf Pergament entwickelten majestätischen kufischen Schriften hinter den eckigen "neuen Stil" und dann stärker fließende, kursive Schreibstile zurück. Außerdem wechselte das typische Buchformat von horizontal zu vertikal. Das älteste erhaltene datierte Koranmanuskript auf Papier wurde von dem Kalligraphen 'All ibn Sadan al-Razi 971/72 geschrieben. Die Reste dieses vierbändigen Manuskript im Vertikalformat teilen sich Ardabil im Iran, die Universitätsbibliothek Istanbul und die Chester Beatty Bibliothek in Dublin. Ein anderes Papiermanuskript des Koran, das 993 in Isfahan entstand, bewahrte noch die horizontale Form der Pergamentmanuskripte.
Das vielleicht berühmteste frühe Papiermanuskript des Koran ist das von 'All ibn Hilal, bekannt als Ibn al-Bawwab, im Jahre 1000/1001 hergestellte, dem führenden Kalligraphen von Baghdad. Es ist ein kleines Bändchen mit 286 Blättern, jede Seite mit 15 Zeilen in der gerundeten Nakshi-Schrift, jenem Duktus, der Ibn al-Bawwab so berühmt machte. Das Fehlen einer Widmung, zusammen mit dem kleinen Format und die Beschränkung auf einen Band legen es nahe, dass Ibn al-Bawwab dieses Manuskript nicht für einen bestimmten Auftraggeber, sondern in der Hoffnung herstellte, es auf dem Markt verkaufen zu können.
Im späten zehnten Jahrhundert war Papyrus, das in Ägypten vier Jahrtausende ohne Unterbrechung in Gebrauch gewesen war, vollständig von Papier verdrängt worden. Trotz der Einführung von Pergament im römischer Zeit hatte der Papyrus seine Bedeutung durch Ägyptens griechische, römische und frühe islamische Perioden hindurch für Briefe und Dokumente wie auch für die Vervielfältigung literarischer Arbeiten bewahrt. Erhaltene Dokumente und arabische Quellen belegen, dass Papyrus auch in der frühen islamischen Periode durchaus noch in Ägypten für lokale und auswärtige Abnehmer angefertigt wurde, so etwa für lokale Herrscher und die byzantinischen und päpstlichen Kanzleien. Aber seit dem frühen neunten Jahrhundert wurde Papier immer wichtiger. Der Historiker al-Mas'udi schrieb 956, dass die Papyrusherstellung in Ägypten noch nicht völlig untergegangen sei. Bei dem Geographen Ibn Hawqal hingegen, der Ägypten vierzig Jahre später besuchte, findet es sich nicht mehr als Schreibmaterial erwähnt. Und 985/986 war Papier, wenn man den Worten des palästinensischen Geographen al-Muqaddasi folgt, zu einem der Hauptprodukte Ägyptens geworden. Der persische Reisende Nasir-i Khusraw, der Kairo zwischen 1035 und 1042 besuchte erwähnt, dass die Lebensmittelhändler, Gemüsehändler und Textilkaufleute in den Basaren von Fustat (Alt-Kairo) freie Behälter vorhielten, um Gläser, Keramik und Papierbündel aufzunehmen oder einzuwickeln, die sie verkauften. Dies legt nahe, dass Papier relativ billig geworden war, aber nicht so billig, dass man es einfach weggeworfen hätte.
Das Klima Ägyptens ist bietet ebenso wie das Zentralasiens ideale Bedingungen für die Konservierung organischen Material, und so wurden dort im 19. Jahrhundert mehrere große Lagerstätten von antiken Papyri und mittelalterlichen Papieren entdeckt. Im Jahre 1877 fanden Archäologen mehr als 100.000 Papyrus- und Papierdokumente in Akhmim, Arsino und Ashmunayn, darunter auch wichtige historische und ökonomische Dokumente aus der islamischen Zeit. Die meisten wurden von Erzherzog Rainer von Österreich 1884 übernommen und bildeten die Grundlage der großen Wiener Papyrus-Sammlung in der Nationalbibliothek. Ungefähr zur gleichen Zeit entdeckten Arbeiter weitere 300.000 Dokumente, vor allem aus der Zeit zwischen der Mittel des 10. und der Mitte des 13. Jahrhunderts, in einem Lagerraum (in Hebräisch als Geniza bezeichnet) der palästinensischen Synagoge in Fustat. Die Geniza-Dokumente umfassen Aussteuerverzeichnisse, Geschäftspapiere und private Korrespondenz mit der jüdischen Gemeinde. Sie waren im Lagerraum mit dem Blick auf gute Verwahrung abgelegt und dann für Jahrhunderte dort vergessen worden. Zum überwiegenden Teil in Jüdisch-Arabisch geschrieben - umgangssprachliches Arabisch mit hebräischen Buchstaben -, wurden sie zu einer wichtigen Quelle für die Rekonstruktion des Alltags und des Wirtschaftslebens in den islamischen Ländern und für die Geschichte des gesprochenen Arabisch. Sie zeigen auch, dass Papier ein unentbehrliches Kommunikationsmittel in dieser auf den Handel gegründeten Gesellschaft geworden war, in der Wechsel, Zahlungsanweisungen und ähnliche Schriftstücke, die meisten von ihnen auf Papier, regelmäßig hin und her gesandt wurden zwischen Handel treibenden Gemeinwesen, die so weit auseinander lagen wie Spanien und Indien. Der Ziriden-Prinz al-Mu'izz ibn Badis, der im Gebiet des heutigen Tunesien und östlichen Algerien von 1016 bis 1062 regierte, fügte seinem Buch Llrndat al-Kuttab (Der Schreibmeister) eine kurze Darstellung der mittelalterlichen Papierherstellung bei, die einzige mittelalterliche Arbeit über diesen Teil der Buchkunst, die überdauerte. Die Papierherstellung aus Flachs auf einem schwimmenden Rahmen, wie ihm Ibn Badis in allen Einzelheiten beschrieb, war jedoch in allen islamischen Ländern schon seit Jahrhunderten abgelöst worden durch weiter entwickelte Techniken, indem die Papiermacher gebrauchte Textilien und alte Seile als Hauptfaserquelle benutzten und den Schöpfrahmen in einen großen Bottich mit wässrigem Faserbrei tauchten. Möglicherweise waren Ibn Badis' Gewährsleute nicht bereit, die wirklichen Geheimnisse der Papierherstellung mit ihm zu teilen. Der Rest seines Bericht beschreibt die Behandlung des Papiers mit gleichen Mengen von Kreide und Stärke oder Reisstärke und die Einfärbung des Papiers in verschiedenen Farben.
Merkwürdigerweise ist das einzige Manuskript, das nachweislich zur Zeit Ibn Badis' kopiert und illuminiert wurde, nicht auf Papier geschrieben, sondern eine Kopie des Korans auf Pergament aus dem Jahre 1020. Den Geniza-Dokumenten zufolge waren Tunesien und Sizilien bedeutende Zentren der Lederproduktion, und private Briefe und Dokumente aus dieser Region wurden noch bis ins 11. Jahrhundert auf Pergament geschrieben. Gleichwohl verbreitete sich die Papiermacherei in Nordafrika und Spanien. Fez war schon im 11. Jahrhundert ein bedeutendes Zentrum der Papierproduktion – dort ist am Ende des 12. Jahrhunderts von 400 Papiermühlen die Rede - und die erste spanische Papiermühle ist in Jfitiva im Jahre 1056 nachgewiesen. Auch hier scheint es Widerstände gegen den Gebrauch des Papiers für den Koran gegeben zu haben, sogar noch nachdem dies im Osten bereits akzeptiert war. Papiermanuskripte des Korans tauchen im Westen der islamischen Welt im 13. Jahrhundert auf, aber solche auf Pergament werden noch bis weit ins 14. Jahrhundert hinein hergestellt.
Ibn Badis' Beschreibung von kolorierten Papieren wird durch nordafrikanische Dokumente bestätigt, die in europäischen Archiven überdauert haben, und von denen einige auf Papieren geschrieben sind, deren Farbe von Rot oder Zinnoberrot über Purpurrot oder Blassrosa reicht. Diese Dokumente sind unter dem Gattungsbegriff nasri bekannt geworden, benannt nach der Dynastie der Nasriden, die das südliche Spanien von der Alhambra in Granada aus regierten. Das beeindruckendste Beispiel ist vielleicht ein blutrotes Papier, das aus Leinen und Hanf hergestellt wurde und sich im Archiv der Krone von Aragon befindet. Der Text ist ein wütender Brief von Mohammed VIII von Granada an Alfons V. aus dem Jahre 1418, in dem der Schreiber dagegen protestiert, dass sich seine Vertreter an Alfons' Hof unerlaubte Befugnisse angemaßt hätten; die heftige Farbe wurde möglicherweise gewählt, um den Zorn des Schreibers zu unterstreichen.
In Italien begann der Gebrauch des Papiers im ausgehenden 11. Jahrhundert, zunächst in Sizilien, wo die Normannen arabische Praktiken assimilierten, und dann in den Handelsstädten im Norden. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde für kurze Zeit Papier in der Nähe von Genua hergestellt, möglicherweise nach spanischen Vorbildern, aber das eigentliche Zentrum der italienischen Papierherstellung entwickelte sich nach 1276 in Fabriano in Mittelitalien. Das europäische Verfahren, die Kraft der Wassermühlen zum Betrieb von Papiermühlen einzusetzen, verbilligte deren Produkt, wenn nicht sogar auch besser, als das aus Nordafrika und Ägypten gelieferte, und Norditalien begann bald die lokale Produktion in Nordafrika und Spanien zu ersetzen. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts begannen nordafrikanische Kanzleien westliche Papiere zu benutzen. Ein auf den 8. Dezember 1350 datierter Brief des Sultans von Tunis an König Peter IV. von Aragon-Katalonien wurde auf Papier geschrieben, das einen Greifvogel als Wasserzeichen aufweist und damit seine Herkunft aus Italien belegt. Zu genau der gleichen Zeit gerieten auch die ägyptischen Papiermacher unter ernsthaften Konkurrenzdruck. Über die Papiere besserer Qualität aus Fabriano und Treviso hinaus, wurden nun auch Papiere "der schlechtesten Sorte" - so die Einschätzung des ägyptischen Schriftstellers a-Qalqashandi aus dem 14. Jahrhundert – importiert. Obwohl die Papierproduktion in gewissem Umfang bis ins 17. Jahrhundert fortgesetzt wurde, standen französische und italienische Papiere in Ägypten seit dem 16. Jahrhundert im Vordergrund.
Europäische Papiere gingen auch auf den Weg nach Osten, obwohl sie dort auf eine härtere Konkurrenz durch die lokalen Produkte stießen. So wurde beispielsweise ein einbändiges Manuskript des Korans aus der Nour Sammlung auf italienisches Papier aus der Zeit um 1340 übertragen. Gekennzeichnet durch einen von einem Kreuz bekrönten Doppelschlüssel, ist das Papier Beispielen von Arezzo und Torcello bei Venedig nahezu gleich. Das europäische Papier bezeugt, dass Händler aus Genua und Venedig wie Marco Polo italienische Güter - und darunter auch Papier - bis in den Irak und Iran brachten, wo sie sie vielleicht gegen Teppiche, Seide und Gewürze einhandelten, die sie mit nach Hause brachten.
Das Auftreten von Papier zu diesem Zeitpunkt im Iran und Irak, im Gegensatz zu Nordafrika und Ägypten, ist umso erstaunlicher, als die lokale Produktion sich zugleich auf ihrem Höhepunkt befand. Seit dem 13. Jahrhundert hatte die Verfügbarkeit großer Blätter lokal erzeugter weißer Feinpapiere im Iran eine zweite Revolution des islamischen Buches vorangetrieben, deren Wirkungen noch in den beiden folgenden Jahrhunderten in Ägypten, Indien und dem Osmanischen Reich spürbar blieben. Vor dem 13. Jahrhundert waren auf Papier geschriebene Bücher klein, in der Regel nicht größer als ein Blatt modernes Büropapier, was darauf verweist, dass das Ursprungsblatt, aus dem sie gefertigt wurden, etwa doppelt so groß war. Ein Blatt dieser Größe wurde mit einer Form gefertigt, die der Papiermacher leicht in seiner Hand halten konnte. Größere Blätter waren schwerer herzustellen und deshalb zu teuer für den allgemeinen Gebrauch. Selbst wenn Kalifen und Sultane lange Rollen für Dokumente und Dekrete benötigten, wurden sie aus kleineren Blättern zusammengeklebt.
Seit dem 13. Jahrhundert aber stiegen Größe und Qualität des im Iran für Bücher und andere Zwecke verfügbaren Papiers dramatisch, und die Gründe dieses Wandels sind nicht unmittelbar einsichtig. Eine Möglichkeit ist vermehrter Kontakt zu China - wo die Techniken der Papierherstellung weiter perfektioniert worden waren - während der Zeit, als mongolische Dynastien China, Zentralasien, Südrussland, den Iran und einen großen Teil des Mittleren Ostens beherrschten. (Die Mongolenherrscher des Iran führten dort das Papiergeld kurz und mit fatalen Auswirkungen ein.) Es ist auch möglich, dass die Techniken des Mahlens und der Weiterverarbeitung des Textilbreis verbessert wurden. Was auch immer die Gründe gewesen sein mögen - die Folgen dieses Wandels kann man in der hohen Zahl großer Luxusbände bewundern, die aus dieser Zeit erhalten sind.
Wie stets bliebt der Koran der wichtigste und verbreitetste Text, und berühmte Kalligraphen fertigten große Abschriften davon an. Ahmad al-Suhrawardi zum Beispiel, vollendete 1307 in Baghdad eine 30bändige Abschrift des Korans. Die Seiten messen 500 X 350 Millimeter, was eine Blattgröße von mindestens 500 X 700 Millimetern voraussetzt. Das leuchtend weiße Papier wurde wunderbar geleimt und poliert, so dass die Feder des Kalligraphen mühelos über diese glatte Oberfläche gleiten konnte. Noch größer ist das zerstreute 30teilige Manuskript des Korans, das für den Mongolen-Sultan Öljeitü zwischen 1306 und 1309 angefertigt und für sein Mausoleum in Sultaniyya bestimmt wurde. Die Seiten messen riesige 720 X 500 Millimeter, was bedeutet, dass die Papierblätter, aus denen die Folianten gemacht wurden, eine Länge von ungefähr 1100 Millimetern hatten. Das Manuskript weist nur fünf Textzeilen pro Seite auf, so dass das gesamte Werk von 30 Bänden über 2000 Blätter umfasst haben müsste. Monumentale Kalligraphie war allerdings angemessen für einen Band, aus dem in der Moschee öffentlich gelesen werden sollte.
Größere Blätter Papier erlaubten größere und monumentalere Beispiele der Kunst des Kalligraphen, aber sie ermöglichten auch die Herstellung von Büchern mit einer höheren Zahl größerer Illustrationen, und seit dem 14. Jahrhundert wurde das illustrierte Buch eine wichtige Kunstform in der islamischen Welt. In den vorherigen Jahrhunderten waren mehrere Buchtypen mit relativ kleinen Zeichnungen und Malereien illustriert worden, um einzelne Passagen des Textes zu verdeutlichen. So würden etwa astronomische Bücher praktisch unbenutzbar gewesen sein ohne kleine Diagramme der Konstellationen, und pharmakologische Bücher wären gefährlich gewesen ohne die kleinen Illustrationen der Heilpflanzen, die der Autor beschrieb. Im 13. Jahrhundert traten die ersten Illustrationen in wenigen literarischen Arbeiten auf, aber im 14. Jahrhundert wurden größere Bücher, wie etwa Rashid al-Dins Kompendium der Chroniken - die erste wirkliche allgemeine Weltgeschichte - und die große Abschrift des Shahnamah (Das Buch der Könige), das sogenannte Große Mongolische Shahnamah, angefertigt für die Ilkhaniden-Herrscher, wurden mit Malereien in einer Größe bis zu 250 Millimetern auf einer Seite ausgestattet. Im Gegensatz zu früheren Abbildungen erläutern diese Bilder nicht einfach den Text, sondern führen ihn auf neue und andere Weise fort, indem sie komplexe und tiefe Landschaften, den Ausdruck von Gesichtern und Haltungen zur Kennzeichnung menschlicher Gefühle verwenden. Obwohl diese Illustrationen heute als "Persische Miniaturen" bezeichnet werden, müssen sie in ihrer eigenen Zeit einen sehr monumentalen Eindruck hinterlassen haben. Persische Maler verzichteten in späteren Jahrhunderten auf diese bildlichen Mittel, aber das Ideal des luxuriösen Buchs, geschrieben auf großen Blättern ausgezeichneten Papiers lebte noch Generationen weiter. Die größere Verfügbarkeit von Papier seit dem 13. Jahrhundert trieb auch eine andere künstlerische Revolution in den islamischen Ländern voran. Architekten und Künstler nutzten die Vorteile des Mediums, um Zeichnen anzufertigen, bevor das Kunstwerk tatsächlich ausgeführt wurde, und um Entwürfe von einem Ort zum anderen zu übertragen. Am offensichtlichsten wurde die neue Rolle des Papiers bei Bauplänen.
Baumeister der Antike hatten natürlich manchmal Pläne und Zeichnungen benutzt, und es gibt gelegentliche Bezugnahmen auf Pläne in den ersten sieben Jahrhunderten des Islam, aber der größte Teil des Bauens gründete auf empirischen Kenntnissen, die durch das gesprochene Wort, durch Vorführung und Erinnerung von einem Baumeister zum anderen und von einem Bauplatz zum andern weitergegeben wurden. Seit dem 14. Jahrhundert aber nutzten Baumeister in den islamischen Ländern zunehmend die Vorteile von Plänen und Zeichnungen, um ihre traditionellen Kenntnisse zu ersetzen. Das Resultat war eine größere Gleichförmigkeit der Architektur innerhalb der einzelnen Kulturlandschaften, weil das neue Verfahren der Wiedergabe von Architektur es jemandem, der in der großen Stadt arbeitete, erlaubte, ein Gebäude für eine Provinzstadt zu entwerfen, die er niemals besucht haben würde. Das deutlichste Beispiel für diesen neuen Ansatz kommt aus dem Osmanischen Reich, wo nach dem Fall von Konstantinopel im Jahre 1453 das Büro des leitenden Hofarchitekten in Istanbul für die Gestaltung von Gebäuden, Brücken und Aquädukten im ganzen Herrschaftsbereich zuständig wurde, wo sie von lokalen Arbeitskräften ausgeführt wurde. Osmanische Architekten konnten dadurch eine beeindruckende Uniformität in ihrer Arbeit erzielen, und die osmanische Präsenz in einer bestimmten Region wurde unmittelbar sichtbar, wenn halbrunde, bleigedeckte Kuppeln und bleistiftdünne Minarette die Silhouette bestimmten.
Die größere Verfügbarkeit von Papier in den islamischen Ländern trieb auch den Wechsel in den anderen Künsten voran, wie bei Metallarbeiten, Keramik und bestimmten Textilien, da die Künstler zunehmend Gestaltungen auf dem Papier entwarfen, die dann von Handwerkern in ihrer Arbeit angewandt wurden. In der traditionellen Handwerkskunst während der ersten Jahrhunderte des Islam war der Handwerker auch der Gestalter gewesen, der sein Werkstücks nach der Erinnerung oder während seiner fortschreitenden Bearbeitung formte. Bei der Metallbearbeitung wurde beispielsweise die Zeichnung auf das Messingblech aufgetragen, bevor die Teile für Einlegearbeiten ausgeschabt wurden. Ein Töpfer mochte wohl seine Verzierungen auf den Rückseiten von Fliesen geübt haben, bevor er mit der Ausführung einer wichtigen Platte begann, aber die endgültige Gestaltung des Werkstücks kam aus seinem Kopf. Eine Weberin stattete ihren Teppich mit Formen aus, die sich als Kind von ihrer Mutter gelernt hatte, niemals aber mit solchen, die sie in einem Buch gesehen hatte.
Nun führte das vermehrte Vorhandensein von Gestaltungen auf Papier bei manchen Handwerkern zu veränderten Arbeitsweisen: Töpfer lernten ihre Gestaltungen aus Musterbüchern, und Weber lernten, den kodierten Anweisungen auf großen Skizzen oder kleinen Schaubildern zu folgen. Diese Entwicklung verwies nicht nur auf eine Auflösung der traditionellen Einheit von Künstler und Handwerker, sondern es bedeutete auch, dass alte und neue Gestaltungen auf jedes beliebige Medium übertragen werden konnten, das der Handwerker auswählte. Gleiche Formen konnten nun beispielsweise auf Textilien, Keramik, Metall und in Buchillustrationen auftauchen.
In China und Europa kam bald nach dem Beginn der Papierherstellung die Entwicklung des Buchdrucks, zunächst mit hölzernen Druckstöcken, dann mit beweglichen Lettern. Der Druck mit Modeln war auch in islamischen Ländern bekannt, vielleicht schon im 10. Jahrhundert in Ägypten, wo es zum Bedrucken von Textilien und zur Herstellung billiger Amulette angewandt wurde; aber es scheint im 14. Jahrhundert ausgestorben zu sein. Warum wurde der Idee des Drucks von Büchern und literarischen Texten in den islamischen Ländern bis zum 18. Jahrhundert nicht ernsthaft nachgegangen? Es war schwierig, einen vollständigen Schriftsatz für das Arabische zu gestalten, weil dafür etwa 600 Sorten oder einzelne Buchstabenteile gebraucht worden wären, verglichen mit 275 für eine europäische Schrift, inklusive kursiver Zeichen, Satzzeichen und Ziffern. Außerdem stellte sich gedrucktes Arabisch unausweichlich unvorteilhaft dar im Vergleich zur flüssigen Hand eines Kalligraphen, und in der Tat wird es bis heute als unterlegen angesehen. Schließlich zollte die traditionelle islamische Gesellschaft den Kalligraphen und ihrer Arbeit großen Respekt.
Daher drang der Buchdruck spät in die islamischen Länder vor. Das erste Buch in arabischer Schrift wurde in Europa gedruckt, und zwar angeblich die Ausgabe des Koran, die Paganino de' Paganini in Venedig 1538 druckte, von der eine einzige Kopie 1987 entdeckt wurde. Erst im 18. Jahrhundert wurden die ersten Druckerpressen mit europäischer Unterstützung in Aleppo und Istanbul aufgebaut. Damit hat sich der Kreis des Wissens geschlossen: Nachdem die islamischen Länder Europa das Papier gebracht hatten, nahmen sie von dort die Kunst des Druckens in Empfang.
Quelle: al-musta'rib-Newsletter (Text in englischer Sprache: Revolution by the Ream - A History of Paper)
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