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Russlanddeutsche Museen im Wolgagebiet

Karl-Heinz Ziessow

"Ich bemerkte kaum, dass ich mich in Russland befand, da ich nach Gefallen unter Deutschen leben konnte, deren sich zu Saratow eine beträchtliche Anzahl befand." So beschrieb der deutsche Wandergesell Christian Gottlob Züge aus Gera seinen Aufenthalt in der Stadt an der unteren Wolga in der Zeit um 1765. Als einer von über 30.000 Siedlern folgte er dem Aufruf der Zarin Katharina II. und wurde über Lübeck und St. Petersburg in einer durchaus beschwerlichen Reise an die Peripherie des Großreiches verfrachtet.

Der bescheidene Wohlstand, der sich in den vor allem vom Getreidebau lebenden Kolonien nach schwierigsten Anfangsjahren im 19. Jahrhundert entwickelt hatte, geriet schon mit den Hungersnöten 1891 und 1892 nachhaltig ins Wanken. Nach Zwangsablieferungen und Enteignungen in den Jahren des "Kriegskommunismus" erreichte die landwirtschaftliche und industrielle Produktion des Gebiets 1921 ihren Tiefpunkt.

Die "Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen", zunächst 1924 unter außenpolitischem Kalkül geschaffen, gewährte nur kurze Zeit relative Handlungsfreiheit. Die "Auswanderungspsychose" (Gerd Stricker), die von den Stalinschen Zwangskollektivierungen ausgelöst wurde, war dann nur der Auftakt zu einer Epoche der Umsiedlungen und Vertreibungen, wie sie nach dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion einsetzte.

Seit sich zu Beginn der neunziger Jahre der Weg nach Deutschland öffnete, schossen auch die Projekte russlanddeutscher Kulturarbeit in diesen historischen Siedlungsgebieten der Deutschen aus dem Boden. Neue Sammlungen traten neben alte Museumsbestände, in den Magazinen Verborgenes wurde nach langer Zeit wieder museologisch aufbereitet, und das Gespräch mit den wenigen verbliebenen Gewährsleuten musste eine jahrzehntelange Lücke historischer Forschung auffüllen helfen. Hier Spreu vom Weizen zu trennen, fällt umso schwerer, als das Unglück der Deportation und der Massenexodus der vergangenen Jahre das Identifikationsbedürfnis der Zurückgebliebenen mit den - vermeintlichen oder tatsächlichen - Relikten ihrer Kultur überproportional gesteigert hat. Unterschiedliche Betrachtungsweisen auf Sammlungs- und Präsentationsstrategien können hier klärend wirken, Partnerschaft zwischen russischen und deutschen Fachleuten den Blick durch die jeweilige "nationale Brille" aufhellen.

Diesem Zweck diente auch eine Evaluationsreise durch die historischen und landeskundlichen Museen der unteren Wolga, die Dr. Susanne Meyer, die Leiterin des Tuchmachermuseums Bramsche, und Dr. Karl-Heinz Ziessow vom Museumsdorf in Cloppenburg im Mai 2000 im Auftrag des Goethe-Instituts Moskau unternahmen. Sie trafen dabei auf äußerst unterschiedliche museologische Konstellationen, die es zu gewichten und zu bewerten galt. So etwa auf die mit großem Anteil deutscher Gelder teilweise restaurierte Herrnhutersiedlung Alt-Sarepta, die heute als museale Insel innerhalb einer Plattenbausiedlung steht. Dort propagiert ein "Staatliches Freilichtmuseum" einen multiethnischen Ansatz in der Darstellung verschiedener Volksgruppen des Wolgograder Gebiets, der sich in der Realität allerdings in folkloristischen Klischees nach der Art des 19. Jahrhunderts erschöpft.

Auf der anderen Seite fristet die umfangreiche russlanddeutsche Sammlung des Museums in Marx ihr Dornröschendasein in der abgelegenen Provinz. 1921 als Museum der Wolgadeutschen gegründet, wurde das Museum dort bereits 1937, mit dem ersten Höhepunkt der stalinistischen Verfolgungswellen, geschlossen und erst 1990 wieder eröffnet. Ein unbestreitbares Glanzlicht unter den besuchten Museen aber stellte das Landesmuseum in Saratow dar, das sowohl vom Umfang seiner Sammlung als auch in der Präsentation alle anderen Einrichtungen überragt.

Hier, in Saratow, fand im Anschluss an die Rundreise dann auch ein zweitägiger Workshop mit Kollegen aus allen Teilen Russlands statt, in dem Beobachtungen und Erfahrungen der Museumsarbeit mit dem Ziel einer dauerhaften Zusammenarbeit ausgetauscht wurden. Die Einsichten dieser Evaluationsreise und der Konferenz sind dem Goethe-Institut in einem umfangreichen Gutachten präsentiert worden. Noch im Herbst ist eine weitere museologische Erkundung geplant, die nunmehr nach Omsk führen soll - in jenen Teil Sibiriens, der vor allem durch die Deportation der Wolgadeutschen nach dem deutschen Angriff bekannt geworden ist.

Eine Lektüreempfehlung zur deutschen Auswanderung ins Wolgagebiet:

Christian Gottlob Züge, Der russische Colonist oder Christian Gottlob Züge's Leben in Russland. Bremen: Edition Temmen 1988.

28.08.2000

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