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Newsroom >> Pressemitteilungen >> Das Gedächtnis des Körpers... Pressemitteilungen "Das Gedächtnis des Körpers": Unterhosen in Nizhni NovgorodKarl-Heinz Ziessow
"Das Gedächtnis des Körpers" heißt der Titel dieser Präsentation, die am Beispiel der Unterwäsche den Sozialismus aus der Perspektive der Alltagserfahrungen seiner Bürger darstellt. In drei Epochenräumen erlebt der Besucher das Wechselspiel von Realität und Traum - die reizlose Massenware zur Versorgung des sowjetischen Menschen auf der einen Seite, die Traumdessous mit Fantasienamen wie "Ophelia" und "Traviata" als schwebende Wesen unter der Decke andererseits. Hier wird zunächst die Entstehung der "kommunalen Lebensweise" in der Vorkriegszeit nachgezeichnet. Der Versuch, die Klassenunterschiede aufzuheben, führt zu einer Kollektivierung des häuslichen Lebens. Eines ihrer Abimg ist die Sport- und Militärwäsche als Vorbild der Dessousfabrikation. Zu dieser Zeit gehören aber auch die ersten Versuche einer sowjetischen Luxusproduktion und ihrer Werbung in der Zeit der "Neuen Ökonomischen Politik" in den dreißiger Jahren. Die Ausstellung vertritt die These, dass sich der "sowjetische Alltag" im eigentlichen Sinne erst nach Kriegsende herauskristallisiert. Dazu gehören Morgenrock und Schlafanzug als Symbole der Häuslichkeit. Bei den Dessous ist es aber vor allem die selbstgenähte Wäsche, die eine Wiederherstellung individueller Lebensformen im Raum des Privatlebens spiegelt.
In der Stadt an der Wolga herrschte bis vor wenigen Tagen noch tiefe Winterkälte mit Nachttemperaturen um minus 20 Grad. Eine Zeit der Knappheit und Depression zeichnen die Autorinnen der Ausstellung für die dritte Epoche, für die zwei Jahrzehnte zwischen 1970 und 1990. Hier war es nicht nur der Mangel an geeigneten Materialien, um einen privaten Ausweg aus dem industriellen Einerlei zu suchen. Die depressive Stimmung im Alltag entstand vor allem aus dem Vergleich mit dem Westen, der die eigene Wäsche zusätzlich trist erscheinen ließ. Die Idee zu dieser Ausstellung war schon vor Jahren bei einem Besuch des Direktors des Moskauer Goethe-Instituts, Michael Kahn-Ackermann, in Niedersachsen entstanden und 1998 auf einer Konferenz in Nizhni Novgorod ausformuliert worden. Anna Gor aus Nizhni Novgorod brachte ihre Erfahrung im Ausstellungsmanagement ein. Julia Demidenko aus St. Petersburg fügte nicht nur die nötige Fachkenntnis im Bereich der Textilgeschichte hinzu. Sie gab auch einen Großteil der Unterwäsche-Exponate aus ihrer historischen Sammlung, die sie über Jahre hinweg aufgebaut hat. Darüber hinaus vermittelt sie die Verbindung zu Archiven und Unternehmen in St. Petersburg, deren Fotos und Skizzen nun in der Ausstellung über die Herstellung und die Verwendung berichten. Die bekannte Kunstkritikerin Katja Djogot aus Moskau gab dem ganzen Unternehmen schließlich ihren konzeptionellen Rahmen, die Erzählung der Geschichte eines "sowjeteigenen Gegenstands".
Planung: Themenschwerpunkte und Ausstellungsdesign waren Inhalt der gemeinsamen Planung in St. Petersburg zwischen Raymon E. Müller (Cloppenburg), Anna Gor (Nizhni Novgorod), Julia Demidenko (St. Petersburg) und Katja Djogut (Moskau). Das Land Niedersachsen hat diese Planungen durch zahlreiche Begegnungen im Rahmen seines Kulturaustausches mit Russland unterstützt. Betreut vom Museumsdorf reisten die drei russischen Kuratorinnen zu Gesprächen mit potentiellen Partnern im Ruhrlandmuseum Essen, im Textilmuseum Krefeld und im Tuchmachermuseum Bramsche. Gestaltungsimpulse bekam die Ausstellung nicht zuletzt auch durch die Zusammenarbeit mit dem Cloppenburger Ausstellungsdesigner Raymon E. Müller, der im Dezember 1999 zu mehrtägigen Planungsgesprächen nach St. Petersburg fuhr. Von Nizhni Novgorod aus wird die Ausstellung weiterwandern ins sibirische Krasnojarsk, bevor sie dann ab Mitte April in Moskau zu sehen ist. Die hohen Besucherzahlen an den Orten, wo sie bisher präsentiert wurde, dokumentieren das große Bedürfnis nach solchen persönlichen, intimen Rückblicken in die eigene Geschichte. Mit ihrem Rückblick auf siebzig Jahre sowjetischen Alltag, vor allem aber auch durch die Arbeit von 14 zeitgenössischen Künstlern zum Thema "Gedächtnis des Körpers" hat die Ausstellung eine innerrussische Auseinandersetzung über das Verhältnis von Intimität und staatlicher Macht eröffnet. In ihren allgemeinen Fragestellungen weist sie jedoch über diese nationale Perspektive weit hinaus. Für die Partner im Kulturaustausch bleibt daher die Aufgabe, Konzept und Resonanz dieser Alltagsgeschichte der sozialistischen Unterwäsche in die europäische Debatte der Museen einzubringen. 08.06.2001 Newsroom >> Pressemitteilungen >> Das Gedächtnis des Körpers... |
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