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Newsroom >> Reportagen >> Russisches Tagebuch Reportagen aus dem Osten
Von Stefan Koch Die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gelten als außergewöhnlich gut. Doch wie lebt es sich in dem riesigen Land zwischen Ostsee und Pazifik? HAZ-Redakteur Stefan Koch spürt für zwei Monate der Normalität in Moskau, am Ural, an der Wolga und in Sibirien nach und schreibt ein Russisches Tagebuch - für HAZ.de. Dagestan - Im Schatten des Krieges Machatschkala, 26. Oktober. Es ist Hochzeitstag in Machatschkala. Schon dreiAutokolonnen sind an diesem Sonnabendvormittag durch die Uliza Lenina gerast. Laut hupend und mit drohender Popmusik. Die Braut in einem eleganten Satin-Kleid mit langer Schärpe, der Bräutigam im schwarzen Anzug. Das Paar wird in einem weißen Mercedes durch die Hauptstadt der Teilrepublik Dagestan chauffiert: erst zum Standesamt, dann zum ewigen Feuer, wo der Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges gedacht wird, und schließlich zur eigentlichen Feier. In einem großen Festsaal am Rande der Stadt haben sich mehr als 400 Verwandte, Freunde und Kollegen versammelt. Sie warten darauf, dass sich das frisch getraute Paar auf der Ehrentribüne niederlässt, um das Fest zu eröffnen - und zu schweigen. Wie es im Kaukasus üblich ist, verfolgen Braut und Bräutigam ihre eigene Hochzeit, ohne sich selbst daran wesentlich zu beteiligen. Nach einem festen Ritual werden sie lediglich hin und wieder kurz auf die Tanzfläche geführt, um anschließend wieder auf ihre Plätze begleitet zu werden. Heiraten, dass heißt in Dagestan vor allem: den Vorstellungen der Eltern gerecht zu werden. Das fängt bei der Wahl des Ehepartners an und hört bei der Gestaltung der Feier auf. "Wir sind ein kleines Volk", sagt der Vater des Bräutigams, Kamil Mussaf, "da muss man schon aufpassen, dass nichts aus dem Ruder läuft." Selbstverständlich habe er als Familienoberhaupt Einfluss auf die Brautwahl seines Sohnes genommen. Der Saal liegt neben einem Neubaugebiet zwischen Machatschkala und der Nachbarstadt Kaspisk. Von hier aus gibt es einen Atem beraubenden Blick: Zur Rechten erhebt sich der Kaukasus, zur Linken liegt das Kaspische Meer. Einige ältere Männer gehen sogar noch an diesem späten Oktobertag zum Schwimmen und winken vom Wasser aus dem Brautpaar zu. Der Sonnabend ist der traditionelle Hochzeitstag in Machatschkala, wie in ganz Russland. Die anhaltenden Gefechte im nahe liegenden Tschetschenien sollen den großen Festtag zweier Familien nicht stören. Heute wird mit Krimsekt auf die Zukunft angestoßen: Sie möge besser werden, als das Chaos der Gegenwart, sagt Mussaf. Und dass es in Zukunft besser wird, dazu trägt auch diese Hochzeit bei, meint der stämmige Mann, der allein die Kosten dieses Festes trägt: Sein Sohn entstamme ebenso wie die Braut einer alt eingesessenen Familie der Awaren. Diese Volksgruppe stellt die Mehrheit in Dagestan. Sie gilt als stolz, aber auch besonnenen. Das junge Paar wolle eine Familie gründen und dazu beitragen, dass es friedlich bleibt in Dagestan. Und ohne dass es der Vater des Bräutigams ausdrücklich ausspricht, geht er mit dieser Bemerkung ganz bewusst auf Distanz zu den Nachbarn in Tschetschenien. Die einstigen Brüdervölker in Dagestan und Tschetschenien haben sich nicht mehr viel zu sagen: Seit die Separatisten versuchen, den Terror auf die Nachbarrepublik Dagestan auszudehnen, ist die Jahrhunderte alte Freundschaft schwer belastet. Kämpften die Kaukasier im 19. Jahrhundert unter dem legendären Widerstandskämpfer Imam Schamil noch gemeinsam gegen die Truppen des russischen Zaren, haben sich die Dagestaner längst im russischen Riesenreich eingerichtet. Dem kompromisslosen Separatismus ihrer Nachbarn stehen sie skeptisch gegenüber: "In den Bergen verstecken sich doch keine Freiheitskämpfer. Es sind doch vor allem Kriminelle, die viel Geld in den Wirren des Bürgerkrieges verdienen - schmutziges Geld", sagt Mussaf. Wie schmutzig der Krieg in Kaukasus ist, zeigt ein Blumenmeer auf der Hauptstraße des nahe gelegenen Städtchens Kaspisk: Am 9. Mai diesen Jahres, am großen Feiertag zum Gedenken an den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, verübten die Rebellen ein Bombenattentat auf die Parade der russischen Soldaten. Die Stelle, an der die Bomben Soldaten, Frauen und Kinder in den Tod rissen, ist noch heute für den Straßenverkehr gesperrt. Täglich legen dort Anwohner und Angehörige der Ermordeten Blumen nieder. Kaspisk, die kleine Garnisonsstadt am Kaspischen Meer, wurde in den vergangenen Jahren mehrfach von den Rebellen heimgesucht. Neben einer Vielzahl von kleineren Bombenanschlägen ist den Menschen in Dagestan vor allem das Attentat vom 16. November 1996 im Gedächtnis geblieben: Ein neungeschossiges Hochhaus wurde mitten im Stadtzentrum in die Luft gesprengt tötete alle Menschen des Wohnblocks. Die Opfer waren Angehörige von russischen Offizieren. Bei der Hochzeit an diesem Sonnabend werden die Schrecken der jüngsten Vergangenheit nicht vergessen, betont Gastgeber Mussaf. Aber gerade in schwierigen Zeiten müsse man Zeichen setzen, dass man weiter an eine friedliche Zukunft glaube. Während auf der Hochzeit die Stimmung steigt, fährt Irina Franzewa mit einem Taxi an dem Festsaal vorbei - auf vom Weg nach Kaspisk. Auch die 23-Jaehrige hofft auf eine friedliche Zukunft des Kaukasus. Aber der jungen Frau fällt es nicht so leicht, die Attentate der vergangenen Wochen und Monate zu verdrängen. Franzewa ist drei Tage mit dem Zug von Saratow an der Wolga nach Dagestan unterwegs gewesen, um ihrem Bruder Sergej einen besonderen Gefallen zu tun: Sie soll ihm ein Orden nach Hause bringen, der schon seit Monaten in einem Tresor seiner früheren Militäreinheit in Kaspisk liegt. Sergej leistete bis zum Frühjahr im Kaukasus seinen Wehrdienst und war auch in Tschetschenien im Kriegseinsatz. Für seinen Dienst in dem Krisengebiet erhielt er das Tapferkeitsabzeichen des russischen Verteidigungsministers. Am 9. Mai, kurz vor Ende seines Wehrdienstes, sollte Sergej gemeinsam mit seinen Kameraden an der traditionellen Militärparade in Kaspisk teilnehmen. "Aber eine innere Stimme sagte ihm damals, dass er schnell nach Hause kommen muss und nicht an der Parade teilnehmen kann", sagt Irina Franzewa heute rückblickend. Ohne dass ihr Bruder einen konkreten Grund nennen konnte, reichte er auf die Schnelle seinen Urlaub ein, reist überstürzt aus Kaspisk ab und stand einige Tage später unerwartet bei seinen Eltern und Geschwistern in Saratow vor der Tür. Kurz darauf explodierten in Kaspisk mehrere Bomben. 20 junge Männer seiner Einheit fanden den Tod, mehr als 60 wurden verletzt. Nach dem Attentat musste Sergej nicht mehr zu seiner Einheit in den Kaukasus zurückkehren und wurde regulär aus dem Wehrdienst entlassen. Nur seinen Orden, den er für seinen Einsatz in Tschetschenien erhielt, blieb im Tresor in Kaspisk zurück. Nach einer langen Reise erreicht Irina Franzewa an diesem Sonnabend die frühere Kaserne ihres Bruders: Major Sergej Kim, ein in der Sowjetunion geborener Koreaner, kann sich noch gut an den jungen Matrosen Sergej Franzew erinnern. Zunächst wundert sich der Offizier ein bisschen über die Hartnäckigkeit der Soldatenschwester, eigens für einen Orden drei Tage mit dem Zug zu fahren. Doch schnell wird ihm bewusst, welches Ereignis der junge Mann mit diesem Metallstück verbindet: Vielleicht ist es die Erinnerung an seine ermordeten Kameraden. Er selbst ist dem Attentat ja nur knapp entgangen. Newsroom >> Reportagen >> Russisches Tagebuch |
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