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Ausstellungen >> Paperroads >> Pressestimmen >> Frankfurter Rundschau 20.04.2002 PaperRoads - Ein Kunstprojekt von Wolfgang Tiemann zu 1250 Jahren Papiergeschichte
Pressestimmen
Ein Brief aus Samarkand Tee und Gebäck bei Furkat Liebe Leser, grüner Tee, 100 Gramm Wodka und ofenfrisches Fladenbrot mit Kümmel. Wer sich an diese Grundnahrungsmittel hält, kann in Usbekistan beim Essen auf der Straße eigentlich nichts falsch machen. Alles andere ist mit Vorsicht zu genießen. Vor allem beim Fleisch weiß man nie so recht, woran man ist. Meist genügt ein Blick in die Küche, und der Appetit auf ein größeres Menü ist vergangen. Am besten verzichtet man ganz darauf, das Innere der kleinen Restaurants und Teestuben zu betreten. Stattdessen sollte sich der Reisende auf dem Tapschan niederlassen, der typisch usbekischen Sitzgelegenheit, auf der im Sommerhalbjahr ganze Tage verbracht werden. Der Tapschan ähnelt einem großen Bettgestell, das in der Mitte um einen flachen kleinen Tisch ergänzt worden ist. Mit seinen farbenfrohen Kissen und Decken lädt er schon von weitem zum Sitzen und Liegen ein, und spätestens nach der dritten Schale Wodka erscheint er als ein wunderbarer Platz, um den Tag ausklingen zu lassen. Das gilt ganz besonders für die Tapschan am "Chorsu", einem kleinen Teehaus im Stadtzentrum von Samarkand. Von hier aus ist der Registan-Platz mit seinen Medresen und Moscheen und den türkisfarbenen Kuppeln bestens zu sehen. Und gleich daneben steht das staatliche usbekische Museum für Kunst und Geschichte, das sich etwas anmaßend die "Eremitage Zentralasiens" nennt. An die Geschichten aus 1001 Nacht erinnern aber nicht nur Medresen, Moscheen und Mausoleen in und um Samarkand: Beim Gang über den nahe gelegenen Basar steigen Düfte der unterschiedlichsten Gewürze in die Nase, und von allen Seiten bieten Händler Unmengen von Nüssen, Trauben und Granatäpfeln an. Das Stimmengewirr aus Usbekisch, Tadschikisch und Russisch kann allerdings nicht über die gedrückte Stimmung unter den Käufern und Verkäufern hinwegtäuschen. Die alten Frauen, die neben ihren prallgefüllten Leinensäcken sitzen und mit Argusaugen über ihre unzähligen Aprikosen und Nüsse wachen, klagen lautstark: Der Verkauf laufe nur schleppend, und die wenigen Gäste seien geizig. Statt der usbekischen Sum, die sie stapelweise in den Händen halten, hätten sie lieber ein paar US-Dollar. Die seien wenigstens in ihrem Wert beständig. Die Frauen vermissen die zahlungskräftigen Touristen aus Russland und Westeuropa. Seit dem 11. September und dem Anti-Terror-Kampf traue sich kaum ein Tourist in die sagenumwobene Stadt an der alten Seidenstraße. Ganz gleich, ob Samarkand oder ihre Schwesterstädte Buchara und Chiwa: Die meisten Gäste blieben weg, ganz so, als wenn Afghanistan direkt hinter der Stadtgrenze beginnen würde. Von der prekären Lage kann auch Furkat ein Lied singen: Der 43-Jährige betreibt eine Pension mit 20 Gästezimmern und einer anerkannten Küche. Wer sich für 25 US-Dollar pro Nacht bei ihm einquartiert, kann sicher sein, väterlich umsorgt zu werden. Tee und Gebäck bietet Furkat in seiner Pension den ganzen Tag über kostenlos an. Und auch bei größeren Wünschen fällt kein "Nein". Wenn es sein muss, organisiert Furkat auf die Schnelle Tagesreisen oder bringt seinen Gästen Seidentücher für die Daheimgebliebenen mit. Dank seiner guten Kontakte in der gesamten Stadt kann der Hausherr fast immer helfen. Die meisten seiner Zimmer stehen dennoch leer, obwohl Furkats blaue Werbeschilder schon vom Tapschan im "Chorsu" aus zu sehen sind. Nur ab und zu verirrt sich noch ein Reisender aus Taschkent, Aschgabad oder Almaty in die "Pension Furkat". Ganz zu schweigen von Bildungsreisenden aus Berlin oder London. Seitdem die Fernsehsender CNN und BBC unablässig Katastrophennachrichten über Krieg, Terror, Not und Elend in Afghanistan verbreiten, werden viele Touren entlang der legendären Seidenstraße abgesagt. Umso freudiger begrüßt Furkat in diesen Wochen jeden einzelnen Samarkand-Besucher. Um Vertrauen zu schaffen, zeigt er den Gästen zu Beginn ihres Aufenthaltes eifrig seine Visitenkartensammlung und betont, wie angenehm es sich in Samarkand Urlaub machen lässt. Doch so recht glauben will es niemand. Amerikanische und deutsche Militärflugzeuge prägen noch immer das Bild auf dem internationalen Flughafen in der Hauptstadt Taschkent und erinnern an das Grauen in der Nachbarschaft. So wagen denn auch weniger Touristen einen Abstecher zu den historischen Stätten in Samarkand als vielmehr Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen, die sich zwischen ihren Einsätzen in Afghanistan eine kurze Freizeit oder ein freies Wochenende gönnen. Der umtriebige Furkat will sich aber nicht unterkriegen lassen: "Fahrt nach Hause und erzählt euren Freunden, wie schön es im legendären Samarkand ist", sagt Furkat zum Abschied. Okay, lieber Furkat, das will ich gerne tun. Stefan Koch Stefan Koch ist FR-Mitarbeiter in den zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken. Copyright © Frankfurter Rundschau 2002. Erscheinungsdatum 20.04.2002 Ausstellungen >> Paperroads >> Pressestimmen >> Frankfurter Rundschau 20.04.2002 |
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