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Ausstellungen >> Paperroads >> Ausstellungseröffnung Hildesheim PaperRoads - Ein Kunstprojekt von Wolfgang Tiemann zu 1250 Jahren Papiergeschichte
Prof. Dr. Rolf Wernstedt
Eröffnungsrede zur Ausstellung "PaperRoads" von Wolfgang Tiemann im Roemer- und Pelizaeus-Museum in Hildesheim |
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Wer diese Bilder verstehen will, muss zunächst registrieren, dass das Grundlagenmaterial, das Papier, in dieser Ausstellung eine besondere Rolle spielt. Der Grundgedanke dieser Arbeit ging aus von einem historischen Datum. Wolfgang Tiemann wusste, dass im Jahre 751 n. Chr. ein arabisches Heer am Fluss Talas (heute Kirgisien) ein chinesisches Heer geschlagen und die chinesischen Kriegsgefangenen in das nicht weit entfernte Samarkand gebracht hatten. So steht es in den Geschichtsbüchern. Diese Kriegsgefangenen haben in Samarkand den Arabern die Kenntnis der Papierherstellung beigebracht. Denn China kannte bereits seit etwa 200 n. Chr. das Papier, während im antiken, christlichen und islamischen Raum nur mit Papyrus und Pergament gearbeitet wurde.
Im Jahre 2001 jährte sich das historische Datum zum 1250. Mal.
Was ließ sich künstlerisch daraus machen?
Der Weg des Papiers ging die Seidenstraße entlang bis Damaskus, Kairo und schließlich ans andere Ende der muslimischen Welt nach Cordoba in Spanien. Erst von hier und vom arabischen Sizilien aus erreichte das Papier Europa. Die Wege des Papiers - Paper Roads - wecken Interesse und setzen Phantasie frei.
Wolfgang Tiemann brütete lange darüber, wie das in der Tradition seiner Motive neu und darüber hinaus umgesetzt werden konnte. Sich mit historischen Daten malerisch auseinander zu setzen, ist für ihn nicht neu. Historische Ereignisse wie Troja, Aquae Sextiae, der Brand von Rom, Trafalgar hat er in den letzten Jahren in farbendeutlichen und schemenhaften Formen dargestellt. Es gelingt ihm, unbewusste Vorstellungen, die in uns beim Aufruf solcher Daten schlummern, anzurühren und zu provozieren. Das ist nicht gelehrte Malerei, sondern Näherungsversuche ohne Überwältigung.
Es gibt bei Tiemann in den letzten Jahren auch noch einen anderen Strang von Motiven: mythologische Formen in Anlehnung an griechische Mythologie oder schamanenhafte Figuren. Gäßler hat in dem außergewöhnlich einfühlsamen Katalogtext darauf hingewiesen.
Die Wege des Papiers gehen durch Räume weltgeschichtlicher Bedeutung und religiös-kultureller Ausdrucksformen. Herausgekommen sind in den Radierungen Hinweise auf die ägyptischen Hieroglyphen und vogelköpfigen Körper, auf die Keilschrift der Sumerer und den Minotaurus aus Kreta. Schriftzeichen chinesischer Provenienz und der unterlegte vorislamische arabische Text, von dem Mohammed gesagt hat, er hätte ihn gern erfunden. Wer würde nicht an den Abdruck des Männergesichts im Turiner Tuch denken, wenn er das Antlitz auf Tiemanns Zeichnung sieht. Einfache Fußspuren - die Dynamik und die Unmittelbarkeit der Reise in alter Zeit symbolisierend - scheinen nur auf den ersten Blick außergewöhnlich. Die Torsi und Schatten tauchen mehrmals auf, Resultat einer langen Auseinandersetzung Tiemanns mit der Angemessenheit von Körperformen und Spuren. Man kann auf jede der Bahnen genug entdecken oder sich inspirieren lassen. Die Arbeiten sind in Schwarz-Weiß gehalten, weil wahrscheinlich dies der erste Zugang zum Papier war. Papier ermöglichte im Gegensatz zu Pergament oder Papyrus den Tiefdruck und machte Zeichen, Schrift und Bilder unzerstörbar, es sei denn, man zerriss das Papier.
Die vorsichtigen rotfarbigen Einlagen sind gemalt, wie am Deutlichsten auf der 25 m langen Papierbahn von Samarkand zu ersehen ist.
Die Herstellung der Aquatinta-Radierungen war ungeheuer mühselig, denn es gibt auf der Welt keine Druckmaschinen, die solche Dimensionen drucken können. Nach dem Auftragen der Motive auf große Aluminiumplatten mit Säure - nebenbei gesagt, auch eine ziemlich gesundheitsschädigende Plackerei - wurde die Farbe zwischen Platte und Papier gestrichen und dann mit einer dreieinhalb Tonnen schweren Stahlwalze gedruckt. Ob das ging und zu ansehnlichen Radierungen führen würde, wusste Tiemann vorher nicht. Es hat geklappt, wie wir sehen.
Ich habe mich für dieses Projekt deswegen so stark gemacht, weil es diese kulturgeschichtliche und künstlerische Dimension hat. Tiemann und seine Freunde wollten die erste Ausstellung mit einem Auftritt in Samarkand, auf dem berühmten Registan-Platz, beginnen. Geplant war Oktober 2001. Dazwischen lag der 11. September, und niemand mochte in den Kriegswochen in Afghanistan in die Nähe dieser Grenze ziehen.
Wir haben es dann im März 2002 nachgeholt. Eine prächtige Hängung im Historischen Museum von Samarkand und eine Malaktion vor der Tilla-Mori Medrese waren das Resultat.
Ich möchte dem usbekischen Botschafter in Berlin, dem deutschen Botschafter in Taschkent und den Verantwortlichen in Samarkand herzlich für die unkomplizierte und wohlwollende Hilfe danken, die die merkwürdige Karawane aus einem Künstler, Journalisten, einem Politiker, arbeitsbereiten und kräftigen Freunden genießen durfte.
Denn das ganze Projekt hat, wie man unschwer einsehen kann, eine unmittelbar politische Reichweite. Wenn es zutrifft, dass in vielen islamischen Ländern ein Unbehagen und sogar Unterlegenheitsgefühl gegenüber der westlichen Kultur besteht und dies sogar emotionaler Nährboden für irrwitzige Terroraktionen ist, dann kann man mit dieser Aktion daran erinnern, welch entscheidende Rolle die Araber an einem der bedeutendsten und folgenreichsten Kulturtransfers der Weltpolitik hatten.
Auf der Informations- und Warenbahn der Seidenstraße globalisierte sich die Kenntnis der Papierproduktion, von Ost nach West. Und wer wollte bestreiten, dass wir es hier mit einem Vorgang mittelalterlicher Globalisierung zu tun haben! Stellen wir uns einmal vor, was die Welt ohne Papier wäre: Unsere Tagesgewohnheiten sähen ganz anders aus: kein Toilettenpapier, keine Zeitung, keine Briefe, kein Verpackungsmaterial, keine Dokumente, keine Bilder, keine Bücher, keine Plakate, keine Kino- und Theaterkarte, kein Geld usw. usw.
Nach 1250 Jahren stehen wir vor der Frage, ob wohl die elektronisch gestützten Datensysteme das Papier ablösen; in manchen Bereichen wohl. Aber das wird die Zukunft zeigen; denn auch nachwachsende Rohstoffe haben eine Zukunft.
Meine Damen und Herren! Ich hoffe, Sie lassen sich durch die wunderbaren Bilder und den gedanklichen Zusammenhang, aus dem sie entstanden sind, anregen, auch in den wunderschönen Katalog zu schauen.
Die Bilder werden nach Hildesheim am 7. Oktober nach Sevilla/Cordoba gehen. Und vielleicht sind sie im nächsten Jahr in Schanghai oder Damaskus:
Und sollte jemand auf die Idee kommen, nach Usbekistan zu reisen - was ich sehr begrüßen würde -, mag er Goethes Verse aus dem "West-östlichen Diwan" von 1819 mitnehmen:
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