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- Leseprobe - Langsam rollt die Bahn durch die Taiga. Einen halben Tag ist sie bereits unterwegs, ohne dass sich die Landschaft auch nur ansatzweise verändert hätte. Birkenwälder wechseln sich mit Steppenlandschaften ab, die bis zum Horizont reichen. Schnee ist am Morgen gefallen. Doch bis zu einer geschlossenen Schneedecke wird es wohl noch einige Tage dauern. „Spätestens in drei Wochen bewegt sich auf dem Lande nichts mehr“, sagt Larissa Simolotowa. Die junge Frau steht neben mir im Gang des dritten Waggons und blickt aus dem Fenster auf die immer gleiche Landschaft. Sie hat ihre Liege in einem kleinen Viererabteil bezogen und stellt sich nun auf die lange Reise ein. Auf dieser Fahrt muss sie zweimal ihre Uhr einer neuen Zeit anpassen und sich mit sibirischen, kasachischen und tatarischen Kleinhändlern herumärgern, die ungebeten ins Abteil kommen und geräucherten Fisch, Coca-Cola-Flaschen, Wollschals und Taschenbücher feilbieten – eigentlich keine schlechte Idee, da das Zugrestaurant in der Regel nicht empfehlenswert ist. Doch Larissa Siromolotowa weiß aus Erfahrung, dass beim Besuch der Kleinhändler schnell mal etwas verschwindet. Noch gibt es aber keinen Grund, sich über fliegende Händler zu ärgern. Noch hängen Larissas Gedanken dem einfachen Leben in der Taiga nach. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie hat selbst viel Zeit in einem kleinen Dorf verbracht, nur einige hundert Kilometer von Tomsk entfernt. Und dieses Dorf gleiche sehr den Siedlungen, die von der Bahn aus zu sehen sind. Gedrungene kleine Holzhäuser, von windschiefen Zäunen umgeben, in deren Innenhöfen große Haufen von frisch geschlagenem Holz liegen. „Die Menschen in der Taiga müssen sich selbst helfen, sonst wird es verdammt schwierig“, sagt Larissa. Was sie meint, wird mit Anbruch der Dunkelheit deutlich: Die kleinen sibirischen Dörfer sind nur noch schwer auszumachen, obwohl sie direkt an den Bahndamm grenzen. Keine Straßenlaternen, keine Wohnzimmerlampen sind zu sehen. Wer kein eigenes Stromaggregat zu Hause hat, sitzt bei Kerzenschein mit der Familie zusammen. Auch in Larissas Dorf gibt es weder Strom noch fließend Wasser, geschweige denn Telefon. Und Mobiltelefone, die in der gehobenen russischen Schicht so beliebt sind, funktionieren in Sibirien nur in den Millionenstädten. Früher, zu Sowjetzeiten, habe das Leben auf den Dörfern etwas Romantisches gehabt. Die Staatsideologie habe dort nur halb so schwer wie in den Städten gewogen. Und die Versorgung sei nicht wesentlich schlechter gewesen als in den Zentren Sibiriens. Um ihre Gesundheit mussten sich die Menschen in der Einsamkeit nicht mehr sorgen als jeder Städter auch: Wenn mal dringend ein Arzt benötigt wurde, war der staatliche Gesundheitsdienst schnell mit einem Hubschrauber zur Stelle, weiß sie noch aus ihrer Jugendzeit. Heute können sich viele Sibirier, die auf dem Lande leben, kaum den Besuch bei einem Arzt leisten, geschweige denn eine Rettung per Hubschrauber aus schwer zugänglichen Gebieten. Das öffentliche Leben in der Steppe löst sich auf. Das hat Larissa auch in ihrem Dorf beobachtet: Erst habe die Poststelle geschlossen, dann das Lebensmittelgeschäft. Nahezu alle jungen Leute hätten den Ort verlassen, so wie es ihre Eltern bereits vor 30 Jahren getan haben. Nur in den Sommerferien gebe es ein bisschen Leben in den alten Häusern, wenn die früheren Bewohner zu Besuch kämen. Während in den Großstädten Oligarchenfamilien, die durch den Rohstoffhandel zu Geld gekommen sind, ihren Reichtum zur Schau stellen, würden viele Menschen auf dem Lande wie im 19. Jahrhundert leben. Es sei schon verrückt, sagt Larissa, dass einige Familien aus Tomsk zweimal im Jahr nach Spanien in Urlaub fliegen und viele Menschen aus den Dörfern noch nicht einmal regelmäßig die nächstgelegene Stadt sehen, weil ihnen das Geld für die Busfahrt fehlt. Larissa Siromolotowa führt ein eher ungewöhnliches sibirisches Leben: Die 32jährige ist Opernsängerin im Opernhaus in Sewersk, einer so genannten geschlossenen Stadt ganz in der Nähe von Tomsk. Jetzt ist sie zu einem Gastspiel nach Saratow unterwegs. „Die Leute gehen heute nicht mehr fünf- oder sechsmal pro Jahr in die Oper, ins Theater oder in ein Konzert, wie es während der Sowjetzeit üblich war, sondern nur noch einmal“, erzählt die junge Frau. Dennoch tut diese Erkenntnis ihrer Begeisterung keinen Abbruch: „Unsere Leute kommen wegen der Wirtschaftskrise zwar seltener in die Opernhäuser, sind aber umso begeisterter mit dabei.“ Die lange Reise an die Wolga hat Larissa gern angetreten. Nicht nur wegen der Kunst: Der Temperaturunterschied zwischen Tomsk und Saratow beträgt zurzeit fast 20 Grad und dürfte in den nächsten Tagen und Wochen noch kräftig ansteigen. Sie sei zwar in Sibirien geboren und aufgewachsen, aber an die Kälte konnte sie sich nie gewöhnen. Diese Kälte, meint Larissa, habe auch die Mentalität beeinflusst. Das Leben in Sibirien verlaufe in Zeitlupe - „aber das dauert deshalb nicht länger.“ 13 Stunden später, bei einem Stopp in Omsk, zeigt Larissa auf ein Plakat auf dem Bahnsteig, das die hannoversche Rockgruppe Scorpions ankündigt, die gerade im Stadion der Stadt einen Auftritt hatte. „Schauen Sie, mit welcher Geschwindigkeit die Musiker aus Hannover gerade durch die russische Provinz touren. Anfang der Woche vor zigtausend Fans in Jekaterinburg im Ural, vor zwei Tagen in Omsk , und morgen spielen sie bereits in Westrussland. Das ist Tempo, das ist das Leben“, schwärmt Larissa. Salon >> Publikationen >> Koch: Russische Skizzen |
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